EPISODE IX

Im Maelstrom des Betriebs

„Sie haben da Pistaziencreme auf Ihrem Mantel!“, ruft Elke Heidenreich und deutet mit dem Finger auf meinen sandfarbenen Trenchcoat. Es ist ein Mittwoch im Oktober, ein lauer Wind geht, und die ersten Blätter sirren durch die Abendluft. Ich stehe auf der engen Brücke des Holzhausenschlößchen im Frankfurter Westend, einem in einem künstlichen See gelegenen Klassizismus-Bau, der nur über eine schmale Brücke zu erreichen ist. Nachdem der Suhrkamp-Verlag im vergangenen Jahr seine Unseld-Villa verkaufte, in dem über Jahrzehnte hinweg anlässlich der Frankfurter Buchmesse der altehrwürdige Kritiker-Empfang stattfand, ist das Holzhausenschlösschen in diesem Jahr zum ersten Mal Austragungsort dieses Super Bowls für alle Feuilleton-Schreiberlinge im Land.

„War ich das jetzt etwa?“, meint Heidenreich wirsch und bittet eine der Servierdamen um eine Serviette. Allerdings. Es geschah beim Eintreffen von Volker Weidermann. Als dieser wenige Momente zuvor mit dem Taxi vorfuhr, sich beim Aussteigen seine Sturmwind-Frisur richtete und sodann mit seinem stets abgespannten Blick den von Partygästen gesäumten engen Steg zum Schlösschen betrat, stieß Heidenreich ein euphorisches „Volker!“ aus, zog ihn zur Begrüßung zu sich heran und machte in der Umarmung einen kleinen Ausfallschritt nach hinten, der genügte, um die mit Suhrkamp-Häppchen umherwandernde Bedienung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Folge des Malheurs: die pfiffigen Kreationen aus Lachswürfeln, Roter Beete-Schaum und Pistaziencreme kullerten vom Silbertablett und fielen zu Boden und ins Wasser. Oder eben auf meinen Mantel. Die Bedienung reicht mir eine Serviette aus gestärkter Baumwolle. Weidermann und Heidenreich smalltalken über die Messe. „Die Auswirkungen der Krise sind dieses Jahr deutlich spürbar“, meint Weidermann. „Alles wirkt kleiner. Und der Pavillon der Philippinen ist doch arg provisorisch.“ Heidenreich nickt zustimmend. „Aber immerhin war die Rede vom Kulturstaatsminister gut“, fährt sie dazwischen und Weidermann nickt und fährt sich durch die Haare.

Am Morgen des gleichen Tages: ich stehe am Hamburger Hauptbahnhof und werfe den Mietwagenschlüssel in den Schlitz der Europcar-Filiale. Nach meinem Ausflug an die Ostsee, wo es kalt und einsam war, hatte ich genug vom Landleben. In der Stadt gibt es immerhin genug Ablenkung, die einen vergessen lässt, dass man einsam ist. Ich stromerte von Europcar also in die Haupthalle des Hamburger Hauptbahnhofs. Dort stand ich eine Ewigkeit herum wie ein glitchender NPC in einem Rollenspiel und starrte auf die Tafel mit den abfahrenden Zügen. Beim Lesen welches Städtenamens würde ich das drängendste Gefühl haben, etwas zu verpassen? Irgendwann kratzte ich mich am Hals. Dann zückte ich mein Gerät, öffnete die DB-Bonus-App und buchte mir für 1.000 Punkte eine Freifahrt  nach Zürich, die weitest mögliche direkte Fernverkehrsverbindung. Hamburg- Zürich, einmal Deutschland Volley genommen. Irgendwo auf der Strecke würde ich einfach aussteigen

Jetzt acht Stunden später stehe ich also in einem eierschalenfarbenen Eton-Hemd, einer Vintage Nadelstreifenweste von Hugo Boss und schokoladenfarbenen Loafern von Brooks Brothers im Frankfurt Westend mit Pinot Grigio in der Hand und Pistaziencreme auf dem offen getragenen Mantel. Ich spüre, dass mir ein Lachsbrocken zwischen den Zähnen klemmt, und irgendwie fühle ich mich in diesem Moment emotional mit diesem Lachsbrocken verbunden, weil mir auf dieser Party irgendwie die gleiche Rolle zukommt. „Feuer?“ Neben mir steht eine Frau, etwa in meinem Alter, brünett, lockig, mit katzenhaften Augen. Ich verneine, stattdessen reiche ich ihr die lauwarme Frage dar, was sie hier so mache. „Taz“, antwortet sie kurz und knapp und holt sich von Ijoma Mangold, der mit dem Rücken zu uns steht, Feuer. War der nicht gestern auch noch oben an der Ostsee? Egal. „Und du so?“, fragt sie neben mir an der Brüstung stehend und blickt taxierend in die Menge der Partygäste. Ich sage ihr, warum ich hier bin, sie lächelt süffisant. „Warst Du schon auf der Messe?“, fragt sie weiter. „Ja, klar“, lüge ich. „Die Auswirkungen der Krise sind irgendwie überall spürbar“, fahre ich fort. Die Taz-Katzenfrau lächelt milde, vielleicht auch spöttisch.

„Alle in die Bibliothek!“, ruft in diesem Moment eine Stimme aus dem Foyer. Die crowd auf dem Steg stromert langsam in das Innere, wo Joseph „Sepp“ Gumbrecht mit einer Lesung aus seinem bisher unveröffentlichten Manuskript aufwartet. Es geht um Hegel und das Wunder von Bern, oder so und alle stehen beisammen in der Bibliothek und lauschen ehrfürchtig den Sätzen der Instanz aus Stanford. Nach der Lesung suche ich nach der Taz-Katzenfrau, aber ich finde sie nicht mehr. Ich verlustferkele noch ein paar Pinot Grigio und Lachshäppchen, dann steige ich in ein Taxi, das mich vor das Steigenberger in der Frankfurter Innenstadt fährt. In der Lobby verliere ich das Gleichgewicht und falle auf den Boden. Der Nachtportier bringt mich auf mein Zimmer.

Der nächste Tag schleicht sich bereits gräulich wieder aus, als ich erwache. Donnerstag 16 Uhr, um sechs schließt das Messegelände schon wieder. Der Schädel dröhnt. Ich lasse mir Wasser in die Badewanne einlaufen, nur kurz einsteigen und zu Kräften kommen. Als ich einen Moment später in der Wanne wieder aufwache, ist es 20 Uhr und das Wasser kalt. Ich rufe mir ein Taxi und fahre raus ins Ostend.

Der Raum, in dem die Party des März-Verlags stattfindet, wirkt wie ein Jugendklub. Etwa drei Dutzend Leute stehen am Rand, vorne liest ein Typ Texte vor. Irgendwie bemüht zwischen Rocko Schamoni und David Foster Wallace. Fade Ironie, verregnete Heiterkeit. Als die literarische Darmkrebsvorsorge beendet ist, klatschen die Leute pflichtbewusst. Der etwa 35-Jährige schnauzbärtige Verleger des links-anarchistischen März-Verlags kommt mit seiner Peter Sloterdijk-Frisur und seinem bauchigen Hemd nach vorne hinter das DJ-Pult. Es beginnt „You're my heart, you’re my soul“ von Modern Talking zu spielen, danach Falco. Es ist jetzt halb elf, und langsam kommt die Sache in Schwung. Der Raum füllt sich rasch, auch immer mehr sogenannte Literaturbetriebs-Menschen trudeln ein. Ich bestelle mir zwei Gin Tonic und trinke beide in wenigen Zügen aus. Als ich meinen dritten gerade bestelle, stellt sich eine stark parfümierte Frau neben mich.

Ich blicke herüber, und stelle fest, dass es Salomé Balthus ist, jene in Szenekreisen berühmt gewordene Berliner „Intellektuellen-Prostituierte“, die auch einmal eine zeitlang in der „Welt“ Kolumnen schrieb und darin über ihr Gewerbe berichtete. Sie trägt ihre Haare im gerade trendigen 90er Jahre Wet-Look, nach hinten gekämmt und wirkt einigermaßen aufgekratzt. „Ich mochte ihre Texte“, sage ich und blicke sie an. Sie schaut mich an, prüfend, ob ich sie verarschen will, dabei meine ich es ausnahmsweise vollkommen ernst. „Danke“, haucht sie aus ihrem Schmollmund. Ich bezahle meinen Gin Tonic und will mich wegdrehen, als ich hinter mir höre. „Nettes Parfum. Welches ist das?“ Ich drehe mich zu Balthus um. „Le Labo Eukalyptus 20“, sage ich. Das ist natürlich gelogen, aber es klingt gut. In Wahrheit trage ich an diesem Abend „Terre d’Hermes“, was ja so etwas wie der 1er BMW unter den Parfums ist. Und im Moment, in dem ich darüber nachdenke, fällt mir auf, wie dumm es war, Terre d’Hermes aufzutragen, denn für die Party eines links-anarchistischen Verlags wie dem März-Verlags ist es natürlich völlig danebengegriffen, gemessen an der Grandezza einer Salome Balthus aber wiederum total proletarisch. Ich komme mir mit meinem Duft wieder total fehl am Platz vor und muss an den Lachsbrocken zwischen meinen Zähnen vom Vorabend denken. 

„Bin mal rauchen“, sagt sie, grinst mich an und verschwindet. Ich nicke. Die Party ist in vollem Gange. Ich blicke mich um und sehe in einer Ecke die Taz-Frau stehen, die wie stets unbeteiligt in die Menge schaut. Auf einer der Sofa sitzt Caroline Wahl und unterhält sich mit Timon Karl Kayeta. Kayeta wird später in der „FAZ“ in einem Artikel berichten, dass er zuvor am Abend bei einem Empfang von Joachim Unseld eine Flasche Rotwein umstieß, die auf die teuren Fliesen des Balkons fiel. Jetzt sitzen die beiden also hier, und wie immer, wenn sich ein Mann und eine Frau öfter miteinander auf Parties zeigen, kommen Gerüchte auf, ob da was geht. Ich beobachte die beiden, aber keine intimen Gesten oder allzu vertraute Blicke. Stattdessen kommen immer wieder Leute zu Caroline Wahl, die sich auf den Rand der Couch setzen. Anhand der Gesten erahne ich, dass es Fans sind, die ihr Bewunderung für ihre Bücher ausdrücken möchten, und Wahl hört ihren Bewunderern angecringed zu, in einer Mischung aus Unbehagen und Genervtheit. Während ich mir noch zwei weitere GTs an der Bar bestelle, denke ich, dass ich Caroline Wahl gut verstehen kann und dass ich raus in den Innenhof gehen sollte, um Salome zu suchen. Ich finde sie nicht. Als ich zurückkomme, sind Wahl und Kaleyta weg. Die Taz-Frau unterhält sich mit einem Lektor vom Hanser-Verlag. 

Es ist Freitag und höchste Zeit, auf die Messe zu gehen. Als ich erwache, läuft auf meinem Laptop die 5. Staffel von „Love Island VIP“ und auf dem Nachttisch steht ein halb aufgegessener Teller Rindercarpaccio. Ich gehe ins Bad und erbreche mich, dann wickele ich mehrere Frottee-Handtücher um meinen Körper. Sie fühlen sich sehr flauschig an. Ich kehre ins Bett zurück, schaue Love Island und stopfe mir mit den Fingern die Reste vom Carpaccio in den Mund.

Am Abend im Literaturhaus Frankfurt. Irgendeine Preisverleihung, es geht um den Preis der kleinen Verlage oder so. Der März-Verlag gewinnt, der witzig aussehende Verleger vom Vorabend kommt auf die Bühne, nimmt den Preis entgegen, sagt etwas. Danach Party. Hohe Decken, Kronleuchter, Intarsien im Parkettboden. Nach drei Weinspritzern bin ich wieder fit und bestelle mir was zu trinken. Wieder Wahl und Kaleyta an der Bar. Daneben Nelio Biedermann, der Shootingstar des Literaturbetriebs. Unter die ganzen Szenemenschen mischt sich operiertes Frankfurter Nachtleben-Publikum, das sichtbar froh ist, mal nicht wie jedes Wochenende dieselben anorektischen Gesichter im „Cookies“ oder „Gibson“ sehen zu müssen. An der Bar spricht mich irgendjemand an. Ich nicke, schlürfe lautstark die letzten Tropfen Wodka Tonic aus dem Glas und  meine dann, dass die Krise auf der Messe dieses Jahr deutlich spürbar sei, und die Rede des Kulturstaatsministers sei provisorisch gewesen, der Pavillon der Philippinen aber sehr gut, oder so. Irgendwann um drei Uhr Nachts sehe ich vor dem Literaturhaus zwischen den dorischen Säulen Leif Randt stehen. In seinem weiten Vintage-Mantel, seiner Basecap, dem kleinen Sportbeutel um die Hüfte sieht Leif Randt aus wie eine Figur aus einem Leif Randt-Roman. Ich will ihn ansprechen, aber er hat einen seltsamen Blick, der irgendwie in die Leere geht, und außerdem gibt es ja auch nichts zu besprechen. Ich gehe die Treppen des Literaturhauses nach unten und setze mich an das Main-Ufer auf der anderen Straßenseite. Morgen werde ich auf die Buchmesse gehen, ganz bestimmt sogar.

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Episode X - Das siebte Kreuz nach Aschermittwoch

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Episode VIII - Deutschland Ost-West