EPISODE X

Das siebte Kreuz nach Aschermittwoch

Am Rosenmontag. Bin ich geboren. Am Rosenmontag. In Mainz am Rhein. Bier rinnt meine Kehle hinab. Ich stehe vom Tresen auf, wische mir mit dem Handrücken den Schaum vom Mund und krame in den Taschen meines Trenchcoats nach Zigaretten und Feuerzeug. Beim Hinausgehen blickt mich Gabi hinterm Tresen an, mit der ich per Du bin, seit sie mir vorhin das dritte Bitburger hingestellt hat. Ich nicke, sie hält ein weiteres Glas unter den Hahn. Aus der schief angebrachten JBL-Box an der Wand krächzen noch immer die Mainzer Hofsänger. Am Rosen!Montag!

Ich stoße die Tür mit Buntglasscheibeneinsatz auf und trete nach draußen. Nasskalte Luft in der Fresse, Atem geht, Wolken vor dem Mund, das Feuerzeug ratscht, eine Gasflamme rauscht in die Februarnacht. Einatmen. Die Zigarette knistert. Aschebrösel wehen auf den Kragen meines Mantels, wo sie einen dunklen Streifen hinterlassen.

Ich schlendere paar Meter vor der Tür des „Bierstop G1“ auf und ab, diesem letzten Zufluchtsort für Promillefundamentalisten, irgendwo im Mainzer Bahnhofsviertel. Durch die Scheibe sehe ich, wie Gabi drinnen das gezapfte Bier auf meinen Platz stellt und auf meinem Deckel ein Kreuzchen macht, das fünfte oder sechste. Aus einem geöffneten Fenster oben dringen Partygeräusche, eine Frau singt etwas atemlos in die Nacht, irgendwo schreien Menschen. Ich beschließe, einmal um den Block zu gehen.

Auf der Kaiserstraße blinken die Ampeln gelb. Ich laufe an umgeworfenen Elektrorollern und leeren Bierkästen vorbei. Eine Dönertüte weht über die vierspurige Straße. In die erstarrte Nachtkulisse aus aufgeplatztem Asphalt und abweisenden Gebäudefassaden mischen sich Glutherde an feierwütigem Fassnachtsvolk.

Ich biege in eine Seitenstraße ab, der Trubel nimmt ab. Ich ziehe an der Zigarette. An einer Hauswand hängt ein rotes Neonlicht in Form eines stilisierten Cocktails-Glases, und ich erinnere mich, dass ich vor Jahren oft hier war. Damals kam ich fast jede Woche nach Mainz. Wegen Lora. Die Zugfahrten waren sehr teuer, fast das ganze Erbe des Opas ging dafür drauf, aber wer sich nicht ruiniert, aus dem wird schließlich nichts. Jedenfalls war für Lora und mich die Dorett-Bar immer die erste Anlaufstelle. 

Meistens gaben wir uns schon ab mittwochs in dem charmant-versifften Szenetreff für die Künstler und Schwulen der Stadt die Kante mit Kir Royal und Bellini. Lora wohnte damals auf einer eigenen Etage bei ihren Eltern in Gonsenheim. Ihr Vater saß glaube ich für die SPD im Landtag rum und soff mit den Leuten aus dem Fassenachtsverein.Vielleicht habe ich mir das aber auch nur im Nachhinein hinzugedichtet. Lora studierte damals jedenfalls, das weiß ich sicher. Aber was genau, habe ich vergessen. Sie tat es glaube ich auch nur zur Belustigung.

Wasser trifft auf Metall, Regen gluckert Rinnen hinab. Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich über einen großen Platz. Eine Straßenbahn zuckelt vorbei, illuminiert die abgehenden Schneegriesel. Ich gehe auf einen großen Brunnen zu, an dessen Rand Menschengruppen mit Flaschen in der Hand stehen. Schillerplatz lese ich auf einem Schild, aha. Aus einem Handylautsprecher dröhnt Capital Bra in die Nacht. Ich denke wieder an Lora und dann an Gabi und daran, dass ich jetzt gerne einfach nur wieder im Bierstop G1 säße mit den ganzen alten, die sich ebenfalls im Leben verlaufen haben. Aber das führt ja alles zu nichts. Ich laufe eine gewundene Straße hoch, am „Andechs“ vorbei, wo Hochbetrieb herrscht. In einem Hauseingang kniet eine Person in einem Polizistenkostüm vor einem Piraten und befriedigt ihn oral. Im Schaufenster der Buchhandlung nebenan liegt Benedikt Wells neben dem neuen Ferdinand von Schirach. Darüber steht auf großen ausgeschnittenen, mit Luftgirlanden umhängten, Lettern „Mainz, wie es liest und lacht“.

Penibel gepflegte Vorgärten vor Reihen von Einfamilienhäusern, zwischen denen gravitätisch einige Villen herausragten. Old BRD in Reinkultur. Das erste Mal, als ich Lora besucht habe, muss im Sommer 2015 gewesen sein, als alles irgendwie noch halbwegs in Ordnung schien.

Ich trat mit einer Quiche Lorraine und einer DVD unterm Arm durch das hohe, von Hecken umrankte Messingtor. Die Luft roch nach Regen. Lora öffnete in einem lavendelfarbenen Sommerkleid die Haustür. Ich putzte die Schuhe auf der Matte ab und trat ein. Sie führte mich durch eine Eingangshalle mit Fischgrätparkett und Jugendstil-Mobiliar. Ich erinnere mich noch an ihre verschwitzten Nackenhärchen, als sie nach draußen auf die Terrasse trat und die Nuancen von Jil Sander Sun in der Nase. Ich stellte die Quiche auf dem Gartentisch ab und während sie ihren Fingern tief in der Teigmasse steckte, fragte sie mich, was für einen Film ich mitgebracht habe. Über den Dächern von Nizza, entgegnete ich damals und kratzte mich im Nacken. Sie leckte ihren Finger ab und lächelte mich auf ihre seltsame Art an, den Kopf leicht gesenkt, mit schiefen Mund, hinter dem die markante Lücke zwischen ihren Schneidezähnen durchblitzte. Kurz darauf setzte ein furchtbares Gewitter ein. Wir rannten rein und die Quiche zerfiel im herunterklatschenden Regen auf der Terrasse. Wenige Minuten später schnappten aus einem geöffneten Fenster oben im zweiten Stock zwei offene Münder nach Luft. 

„Ich gehe fort“, sagte Lora an einem Märztag auf den Stufen des Theaters sitzend. Mainz sei ihr zu klein geworden. Sie sei hier aufgewachsen, sie kenne alle, sie wolle nach Berlin ziehen, dort kenne sie einen Typen, bei dem würde sie erstmal wohnen und dann weitersehen. Sie nahm meine Hand, eine Umarmung, ein Kuss. Dann stieg sie auf ihr Rad und fuhr davon Richtung Schillerplatz. Ihr wehender Haarschopf war das letzte, was ich von Lora sah. Der Mensch ist gasförmig und Abschiede im Frühling sind die Schlimmsten.

Irgendwie habe ich mich verlaufen, in meinen Gedanken muss ich einmal quer durch die Innenstadt gelaufen sein. Auf der großen Bleiche übergibt sich eine Gestalt in einem Löwenkostüm. Seine Begleiter bleiben teilnahmslos daneben stehen, einer macht ein Foto davon. Autos fahren mit heruntergelassenen Scheiben vorbei. Da hat das rote Pferd sich einfach umgedreht, heißt es aus einem schwarzen AMG. „Hodi odi ohh di ho di eh“, leiert es aus einem grauen 1er BMW. Ein Fiat grölt mit hochziehendem Motor von der „wunderschönen Leila“, die sei „schöner, jünger, geiler.“

In der Parcusstraße, die irgendwo in Bahnhofsnähe sein muss, bleibe ich vor dem Haus mit der Nummer 5 stehen. Auf einer an der Fassade angebrachten Tafel lese ich, dass dort die Schriftstellerin Anna Seghers geboren wurde. Nach ihrem antifaschistischen Weltroman „Das siebte Kreuz“ siedelte Seghers in die DDR über. Verscharrt hat man sie im Dorotheenstädter Friedhof, ehemals Ost-Berlin, heute Mitte. Bert Brecht, Helene Weigel, Johannes R. Becher – die ganzen Sozialismus-Granden liegen dort herum. Das weiß ich noch, weil mir Lora damals sagte, dass sie in der Nähe des Dorotheenstätter Friedhofs gezogen sei. Ich bin dann nach Berlin gefahren, um sie zu besuchen. Als ich ihr sagte, dass ich mich auf den Weg machen würde, reagierte sie komisch, sie meinte nur, sie habe viel zu tun und melde sich abends dann. Ich lief dann den ganzen Tag die Friedrichstraße auf und ab und stromerte über den Dorotheenstätter Friedhof und wartete auf eine Nachricht von Lora. Irgendwann setzte ich mich auf die Parkbank gegenüber dem Anna Seghers-Grab und schlief ein.

Der Rhein vor mir ist ein großer dunkler Abgrund. Drüben über Hessen schneidet der Mond mit scharfen Kanten in den Nachthimmel. Ich denke an Gabi und die Kreuze auf dem Bierdeckel. Mainz, diese traurig-heitere Stadt, wo der Rhein eine Kehre macht und sich von Süden kommend westwärts um die Stadt schmiegt wie zwei Verliebte, die nach Atem ringen. Begrabt mein Herz hier an der Biegung des Flusses. Aber erst nach Aschermittwoch.

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Episode IX - Im Maelstrom des Betriebs