EPISODE XI

Versuch einer Schwarzfahrt zum Glutkern

Provinz ist da, wo der Busfahrer die Fahrkarten kontrolliert. Erst in Städten ab 80.000 Einwohnern beginnt die Enthemmung. Mit der zunehmenden Anonymität sinkt die soziale Kontrolle und den Angestellten im öffentlichen Personennahverkehr wird es zunehmend egal, ob jemand schwarzfährt oder nicht. 

Im tiefen Niedersachsen ist das noch anders. Mit leeren Augen blickt mich der Busfahrer der Hildesheimer Verkehrsbetriebe an, als ich vorne einsteige. Die hinteren Türen lässt er zu, klar, Kontrolle muss sein. Sein Kiefer mahlt quietschend auf einem Stück Kaugummi herum. „Wohin?!“, ruft er durch die 3G-konforme Plexiglasscheibe. 

„Scharfe Kurve“, murmele ich, wie es mir google maps gesagt hat. Tippen, Rattern, „Drei Euro dreißig!“, schallts aus der Fahrerkajüte. Ich bedanke mich, der Busfahrer brummt, schließt die Tür und während der Bus anfährt, stolpere ich auf einen der ausgeblichenen, von Schweiß, Staub und Urin jahrzehntelanger Menschenbeförderung verblassten Sitze.

In Gedanken bin ich bereits am Ziel meiner Unternehmung, der „LitGloW“, einem vom berühmt-berüchtigten Hildesheimer Literaturinstitut ausgerichteten Literaturfestival. Dort, in der Kaderschmiede des bundesdeutschen Literaturbetriebs, möchte man also nach dem „Glow“ in der Gegenwartsliteratur fahnden.

Pfumb! Mit dem Kopf bin ich gegen die Scheibe gestoßen. Der Fahrer macht keine Gefangenen und heizt durch die Hildesheimer Innenstadt. Draußen ergießt sich die übliche Kleinstadt-Depression übers Gemüt: Nagelstudio, Handyladen, zwei orientalische Imbissläden, Ein-Euro-Shops, noch ein Handyladen, Angebot, 20 Gigabyte im Monat geschenkt, die Dürüm-Roll nur 3 Euro. 

An einer Kreuzung eine Videowall, die mit News vom Hildesheimer Tagblatt bespielt wird. Eine neue Umgehungsstraße werde aktuell geplant, heißt es. Sie scheint mir nötiger denn je. Dann wieder geduckte Flachbauten, Goldankauf, Tipico-Sportwetten, hier ein Leerstand, dort ein Leerstand, ehe ein Wahlkampfbüro der örtlichen AfD mit verblassten Farbbombenflecken an der Fassade vorüberzieht.

Während der Bus also durch diese eigentlich ganz normale Stadt im Deutschland zu Mitte der 20er-Jahre juckelt, kommen mir wieder diese Drei Euro Dreißig in den Sinn.  Ich, der notorische Nahverkehrs-Schwarzfahrer, gehe in Gedanken meine bisherigen Stationen durch. Überall sonst konnte ich einfach einsteigen und losfahren, klar, auf eigenes Risiko, das ganze Leben ist ein Spiel und noch schwerer als die Strafe beim Erwischt werden wiegen natürlich die Scham und soziale Ächtung der anderen Fahrgäste. Heidelberg, Tübingen, Mainz, Wien, überall laden die Verkehrsbetriebe zum Zocken ein. In Berlin sowieso; dort sind die Fahrer schon dankbar, wenn man sich in der Tram keinen Schuss setzt oder einkotet.

Pffffschhh, macht die Tür. Oben an der Anzeige flackert mit Pixelfehlern im Display „Scharfe Kurve“. Ich springe aus, haste mit wehendem Trenchcoat aus dem Bus - und stehe im Nirgendwo. Neben der Straße blüht niedersächsisches Heidekraut munter in den Mai hinein. Der Frühling kommt in diesen Breiten nicht mit so einer sexuellen Gereiztheit wie im Süden daher,  mit ADHS-Vögeln auf der Suche nach Befruchtung und schwillenden Knospen und sich öffnenden Blütenkelchen und so weiter. Hier paart sich die Natur noch diskret.

Ich stehe also da in der vornehm sprießenden Pampa und bin schon wieder draußen in Hildesheim, obwohl ich gerade erst angekommen bin. Vorne am Horizont entdecke ich zwischen Buchen und Birken ein Gehöft, ein hoher Bergfried ragt heraus. Ich google „Literaturinstitut Hildesheim“ und tatsächlich, die Kaderschmiede des bundesdeutschen Literaturbetriebs sitzt genau auf einem solchen Bauernhof.

Die Domäne Marienburg stammt aus dem 14. Jahrhundert und dementsprechend alt und bäuerlich sieht hier alles aus. Literatur als Vierfelder-Wirtschaft, oder doch eher als Stallhaltung? Draußen vor einem als „Steinscheune“ benannten alten Gebäude stehen Literaturbetriebsmenschen in Grüppchen und reden über Projekte und Förderungen und Berlin und das alles. 

Man mustert mich, als ich mich in meinem Sandringham-Trenchcoat, den schwarzen Penny-Loafern aus Kalbsleder und einer Jutetasche von Merz B. Schwanen aus dem Berliner Store in Mitte über der Schulter nähere.

Drinnen in der Steinscheune läuft Musik der südkoreanischen Boiler Room-DJane Peggy Gou. Etwa ein Dutzend junger Leute stehen im Raum verteilt herum, swipen gelangweilt auf ihren Geräten herum oder löffeln Kirchererbsensuppe aus kleinen Schälchen. 

Ich setze mich auf ein Sofa in der Ecke. Aus Verlegenheit zücke ich auch mein Handy, öffne die Lichess-App und starte eine Partie Online-Schach. Wenn ich ohnehin schon beäugt werde, dann will ich dabei wenigsten auf meinem Mobilgerät herumtappen, um den Eindruck zu erwecken, als stünde ich gerade in sozialer Interaktion auf WhatsApp oder so.

Nach so zwanzig Minuten kommt ein weiteres Dutzend Leute herein, ein paar davon tragen legere Sakkos über T-Shirts und weißen Sneakern. Eine Frau, die sich als Leiterin des Literaturinstituts entpuppt, greift ein Mikrofon und spricht etwas von „Liminaler Literatur“ und dass dieses Festival dazu diene, die Standpunkte im eigenen Schreiben zu erforschen. Diejenigen, die keinen Trog Kichererbsensuppe in der Hand haben, klatschen. Ich blicke sie aufmerksam an, während ich mein Gerät seitlich auf Hufthöhe halten und heimlich mit der Dame von B2 auf F6 ziehe. Dann setzt sich die Schar in Bewegung, verlässt die Scheune, geht draußen über einen Platz in einen Brutalismus-Bau mit dem euphemistischen Namen „Burgtheater“. Ich folge mit Sicherheitsabstand und im gleichen Moment, wie ich die Tür zur Burgtheater aufstoße setzt mich mein Gegner in Lichess Matt. 

In dem Theatersaal hält ein Wiener Autor die Eröffnungskeynote. Es geht um Myzele, Schreiben wie ein Pilzgeflecht und noch viele andere Dinge, die ich aber vergessen habe und irgendwie beschleicht mich auch hier wie bei jeder Tagung oder Festival oder Diskussion das Gefühl, dass es ja eigentlich gar nichts zu besprechen gibt. Passt doch irgendwie auch so alles.

Plötzlich Applaus, auch ich patsche meine Handflächen gegeneinander. Dann betreten zwei Hildesheimer Jungautoren die Bühne und diskutieren über Schreiben in Zeiten der Polykrisen. Mmh.Ich lege die Finger an mein Kinn, höre zu, wirklich sogar, ganz aufmerksam höre ich zu, es geht erst um Klima und Gender und Rechtsruck und dann um Dreieurodreißig für eine Busfahrt und die geplante Umgehungsstraße um Hildesheim herum,  so ist es gewesen, ganz sicher sogar. Nach einer Dreiviertelstunde wird der dialektische Nebel im Kopf abermals weggeklatscht. Prompt stehen alle auf und verlassen das Theater.

Draußen erlischt bereits die Glut der Dämmerung. Vor der Steinscheune drehen sich Menschen Zigaretten, geben sich Feuer. Sie reden über Ferienpläne in der Provence, beantragte Urlaubssemester und Instagram-Reels. Ich stehe neben dem Eingang und löffele nun auch mein Schälchen Tomaten-Kichererbsensuppe, die tatsächlich sehr gut schmeckt.

Ich will einen Nachschlag. An dem Trog steht nun ein blasser Junge und bedient. Er fragt mich, ob ich hier studiere, und ich nicke und entgegne, dass ich im fünften Semester sei, und er schaut ganz verdutzt und entgegnet: „Häh, echt, ich auch, ich hab’ dich aber noch nie gesehen“. Ich lächle verschmitzt und wiederhole eins zu eins einen Satz, den der Hildesheimer Jungautor vorhin auf der Bühne gesagt hat, darüber, wie schwierig es sei, in einer Welt, in der alle Gewissheiten zunehmend fragil werden, seinen eigenen Standpunkt zu finden, und dann verlasse ich schnell den Essensstand. Draußen vor der Scheune fällt mir auf, dass ich die bezahlte Suppe und das Mehrkornbrötchen vergessen habe.

Die übrigen Teilnehmer stehen alle versammelt um den Eingang des Burgtheaters, gut fünfzig Leute um eine JBL-Box herum geschart, aus der wieder Boilerroom-Musik schallert. Ich trotte durch die Dunkelheit von der Domäne, schleiche mich davon, die Allee entlang, die zur Landstraße führt und setze mich dort in das Wartehäuschen. Der Bus kommt pünktlich, die Tür geht auf - natürlich nur vorne - und ich lege dem Fahrer abgezählt drei Euro dreißig hin. Er nickt anerkennend und ich gehe bis ganz nach hinten, lasse mich auf einem Sitz nieder. Die fahle Silhouette meines Gesichts in der Spiegelung der Scheibe. Während draußen die Innenstadt Hildesheims vorbeizieht, wische ich durch Apple Music auf meinem Gerät. Als mir die App Schuberts Winterreise auf die Ohren shufflet, schließe ich die Augen. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.“

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Episode X - Das siebte Kreuz nach Aschermittwoch