Pop-Uni
am
Tresen
Am Abend des 8. Mai im Jahr 2026, also dem Vorabend des sagenumwobenen Deutschen Popliteraturpreises, ereignete sich Unerhörtes. Kurz vor seinem Auftritt bei der Pop-Uni am Tresen in der Augsburger Bar Oh Boi stürzt ein berühmter Professor mit seinem Segler ab, das Publikum erfährt von einem verstörenden neuen Genre, das Maxim Biller in seiner Zeit-Kolumne Über den Linden erfunden hat, und Dr. B. gerät in eine kosmische Zeitschleife. Dies soll der erste Teil der Geschichte des Deutschen Popliteraturpreises 2026 sein, sollten Sie sich entscheiden, weiterzulesen. Ansonsten war’s das hier für Sie bereits.
Der Star des Abends fehlte. Wie sollte der legendäre Vorabend des Deutschen Popliteraturpreises, die Pop-Uni am Tresen, ohne den berühmten Professor aus Frankfurt am Main stattfinden? Und es war bereits 18 Uhr! Der handgefertigte Segelflieger, zusammengesteckt aus einem Kastanienweinfass[1] und feiner Muga-Seide, war seiner Partnerin, der wahnsinnig erfolgreichen Schriftstellerin Julia Holbe, ein Dorn im Auge. Für sie war der goldene Schimmer der Seidenflügel too much. Man konnte es mit dem ganzen Pop-Gedöns auch übertreiben. Man könnte auch einfach, ganz normal, mit der Bahn anreisen. Der Professor hingegen fand es extrem campy, mit dem selbstgebauten Segelflieger von Frankfurt nach Augsburg in nur zwei Stunden zu fliegen. Der Professor hatte sein Fluggerät der Schleicher „AS 35 ME“ identisch nachgebaut. Sein Plan, nach einer Zwischenlandung in Ulm kurz einzukehren und nach Augsburg weiterzufliegen, war gescheitert. Nachdem sich der müde Professor mit Champagner (oder war es Weizenbier?) erfrischt hatte, wollte sein Flugzeug einfach nicht anspringen. Der verf***** Vergaser machte wieder einmal Probleme, dachte er sich wütend und trat gegen die Silikon-Außenhülle. Nun musste er also doch mit der Bahn fahren. Seine Partnerin lächelte sanft, als der schäumende Professor ihr am Telefon von seiner Panne berichtete. In weiser Voraussicht hatte sie Monate zuvor hinter seinem Rücken ein 1.Klasse-Ticket für ihn nach Augsburg gebucht.
[1] Kastanie ist die am besten geeignete Holzart, wenn es ums Gleitfliegen geht.
Inzwischen war auch der investigative Reporter Emil Probsthain im beigen Archival Mac Coat von Aquascutum in Augsburg eingetroffen. Kurz zuvor hatte er einen äußerst schwierigen Auftrag einer bekannten Zeitung erfolgreich abgeschlossen. Er sollte aufdecken, ob der namenlose Protagonist eines berühmten Romans der sogenannten Popliteratur tatsächlich im Zürichsee ertrunken war. Mit einem selbstzufriednen Lächeln im Gesicht begrüßte er Dr. B., der mit seinem Freund Turboschorsch in der Ludwigstraße im Biergarten der Bar Weisses Lamm gerade alkoholfreie Weizen zischte. “Servus!”, sagte der Hauptstadtreporter in glasklarem Hochdeutsch. “Moin und willkommen in der neuen Hauptstadt der zeitgenössichen Popliteratur! Nun sind wir ja alle anwesend. Legen wir los…”, lallte Dr. B. mit hochrotem Kopf. Emil Probsthain sah ihn ratlos an. Dr. B. war in den letzten Jahren seltsam und verwirrt geworden. Oder hatte er inzwischen ein veritables Alkholproblem? Zum Glück gab es im Literaturhaus noch Katrin M. und Dr. D., die im Hintergrund die Fäden zogen, dachte der Journalist.
“Aber Dr. B., der Pop-Professor ist doch noch gar nicht hier! Außerdem wird es sehr schwierig unbehelligt in die Bar zu kommen.” Vor dem Oh Boi hatten sich Menschenmassen versammelt, die nun langsam ungeduldig an die schwere Holztür zu hämmern begannen.
“Sie haben doch sicher einen Türsteher engagiert, nicht wahr?”
“Aber ja! Ich bin doch nicht doof!”, log Dr. B., während er heimlich unter dem Tisch eine Nachricht an seine Freundin Tanja absetzte. Nur wenige Minuten später schritt die 1,85m große, wunderschöne Blondine, die eine langjährige Krav Maga-Ausbildung absolviert hatte, in einem goldenen Kleid durch die Menge. Ihre bloße Anwesenheit beruhigte die abertausenden Fans, die sich nun ordentlich in einer Reihe aufzustellen begannen, ohne dass sie etwas sagen musste. Während die charismatische Kämpferin freundlich lächelnd einen nach dem anderen in die Bar einließ, war am Fuße der Ludwigstraße ein abgehetzter Mann zu erkennen, der mit hochrotem Kopf schließlich vor dem Oh Boi auf die Knie sank. OMG! Es war der Professor! Dr. B. und Emil eilten der Koryphäe sofort zu Hilfe. Für derartige Fälle hatte Dr. B. immer ein isotonisches Notfallgetränk in der Sakkotasche stecken, denn Spezi ist Spitze! Nach nur zwei Schlucken sprang der Professor auf, drehte eine Pirouette in der Luft und eilte in die Bar.
Innen war es brechend voll. Mindestens eintausendvierhundertdreiundfünfzig Menschen drängten sich mit von Bedeutungshunger entstellten Gesichtern an der Bar und warteten auf das Sinn-Ereignis, das in nur wenigen Minuten über sie hereinbrechen sollte. Dr. D. und Katrin M. hatten sich indessen heimlich durch den Hintereingang in die Bar geschlichen, um Dr. Bs. nervigen Fragen zur Organisation der großen Gala am kommenden Tag zu entgehen. Dieser hatte wie immer den minutiös geplanten Ablauf vergessen. Gott sei Dank organisierten die beiden Genies schon seit Jahren alle Veranstaltungen heimlich. Und zugleich vermochten es die beiden, dass Dr. B. dachte, er wäre ein nützliches Rädchen im Getriebe dieses inzwischen zum Monstrum angewachsenen Betriebs. Neuerdings wurde eine neue strahlende Kraft angeworben, die ausschließlich auf die beiden Damen hören und Dr. B. mit einem netten Lächeln ignorieren sollte: Alicia Z., Studentin der internationalen Literatur und Schwimmwissenschaften an der Universität Augsburg. Sie prüfte, ob die Veranstaltungen des Literaturhauses nachhaltig und umweltfreundlich abliefen.
Mit nur 52 Minuten Verspätung begann also die Show. Oder sie hätte beginnen sollen. Denn als Dr. D. im orangefarbenen Carhartt-Hosenanzug unter tosendem Beifall eine gewaltige 40-Liter-Flasche Champagne Vazart-Coquart Parcellaire AD 191 Extra Brut hereintrug und den Korken mit einem einzigen Säbelhieb abschlug, flutete der Champagner die Bar. Die Gäste jauchzten und Katrin M. sprang mit einem waghalsigen Kopfsprung in den Strom, ungeachtet ihres maßgeschneiderten Rubinacci-Smokings, den sie komplett ruinierte. Es war ihr scheissegal. Sie riss sich ihre sorgfältig gebundene Barathea-Butterfly-Seidenfliege vom Hals, tauchte sie in den Champagner und wrang sie über ihrem offenen Mund aus. Nach nur zwei Minuten musste sie rausgetragen werden.
Eigentlich sollten bei der “Pop-Uni am Tresen” der Professor und der Journalist zusammen mit Dr. B. darüber sprechen, was Popliteratur ist. Und warum es einen Preis für die Popliteratur der Gegenwart brauchte, was natürlich am grauenhaft langweiligen deutschen Literaturbetrieb lag. Das wusste auch ohne Diskussion jeder im Raum. Stattdessen warnte Dr. B. nun davor, Pop auszuerklären. Er verschränkte die Arme vor der Brust und weigerte sich auch nur eine weitere Silbe von sich zu geben. Den anderen hielt er den Mund zu, sobald sie versuchten in ihr Mikro zu sprechen. Das würde alles zerstören, kreischte er. Aus dem Publikum waren erste Buhrufe zu hören. “Warum sind wir dann eigentlich hier und zahlen derartig horrende Eintrittspreise?”, schrie ein aufgebrachter Gast. “Weil wir Eure Kohle brauchen, um uns einen geilen Abend zu machen!”, brüllte Dr. B. zurück ins Publikum, und da traf ihn schon eine zusammengeknüllte Wolf-Brezenztüte am Kopf. Der ergraute Literaturhaus-Mitarbeiter taumelte, hielt sich an einer Barlampe fest und rastete komplett aus. Emil Probsthain und Dr. D. warfen sich dazwischen. Die Spannung war kaum auszuhalten.
Ungerührt vom denkbar schlechten Start der Veranstaltung hob der Professor mit einem Vortrag zur Popliteratur an. Wir würden Pop ja nicht komplett akademisieren, aber es gäbe gute Beispiele, die dem Phänomen nicht das Geheimnis entrissen. Pop müsse man einfach getten. Die kleinsten Dinge würden von den Protagonisten der Popliteratur groß gemacht, Nebenschauplätze avancierten zur Main Stage. Als Fan und Schriftsteller berichte man eben nicht über das Oasis Konzert, sondern über den Zeltplatz. Und verpasse dann das Konzert. Das sei POP. Oder man liebe, wie der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, Udo Lindenberg. Leidenschaftlich! Immer mit einem Augenzwinkern, das vieles zugleich ausdrückt: das Bewusstsein für die eigene Kleinheit und das Spießige daran – und dennoch die Freude, genau das zu genießen. Nach nur fünf Minuten war alles erledigt. Alle Gäste wussten Bescheid, denn der Pop-Professor ist nicht nur extrem unterhaltsam, sondern vermag es, komplexe Sachverhalte wunderbar zu erklären. Sein Problem als Professor an der Universität Frankfurt am Main liegt darin, dass die Studenten nach nur einer Vorlesung nicht mehr wiederkommen. Denn sie haben bereits alles verstanden. Deswegen kämpft die Universität seit Jahren gegen die Schließung...
Emil Probstrhain und Heinz Drügh unterhielten also die Gäste aufs Vorzüglichste. Zuletzt sollte es um die brennenden Themen der Zeit gehen. Um die Frage, ob Politik in die Literatur gehört. Eigentlich für die heutige Zeit ein No-Brainer. Oder doch nicht? Dr. B., der sich wieder beruhigt hatte, führte nun Joseph Vogls exotisches Büchlein mit dem genialen Titel “Komet. Versuch über das Schwebende” ins Feld, in dem das gerade eben emeritierte Genie Literatur als das Schwebende vorstellte. Sie eröffne diffuse Ereignisräume und skizziere eben genau nicht konkrete Handlungsanweisungen. Gerade in diesem Verzicht auf fiktive literarische Ersatzhandlungen und Lösungen werde der Platz für ein wirkliches Tun im Realen freigehalten. Der emeritierte Professor aus Berlin, der jeden Tag einen anderen schwarzen Rollkragenpulli trug, denkt in seiner Abhandlung das Schwebende eigentlich als eine Art Grundform der Welt: nichts ist völlig fest, klar oder abgeschlossen. Fast wie im chinesischen Buch der Wandlungen (I Ging) setzt er Fluss, Übergang und Unbestimmtheit gegen die Vorstellung des Seins als feste, unbewegliche Größe. Literatur ist für ihn ein Ort, an dem sich das Vorläufige am besten beobachten ließe. “Es geht in guter Literatur eben nicht um Bekenntnisse und Haltung!” Dr. B. redete sich in Rage und gestikulierte wild ins Publikum. “Das Schwebende eröffnet vielmehr neue Denk- und Möglichkeitsräume. Das Bildnis des Dorian Gray legt dem Leser überhaupt nicht nahe, wie man oder wie man nicht zu leben habe. Aber es setzt eine abstrakte Energie frei, die den Leser verändert und möglicherweise motiviert in die Welt entlässt.” Er geriet ins Schwärmen, verlor sich jetzt vollständig in Joseph Vogls Denkereignis und faselte zu guter Letzt sogar von einer Art esoterischen Kraft, die durch Literatur im Subjekt freigesetzt würde.
Irgendwie ging es dann um Taylor Swift, und plötzlich bekommen wir Dr. B. draußen vor der Bar zu sehen, eine Zigarette rauchend, neben Türsteher-Tanja, dem Professor, dem Journalisten, Katrin M., Dr. D. und Alicia Z. Wie viel Zeit vergangen war, warum Dr. B. eine Zigarette raucht, obwohl er nicht rauchte, verschwindet im Nebel der erzählerischen Unsicherheit. Rauchten an diesem Abend etwa auch Dr. D. und Katrin M. oder ergab das nur ein schöneres Bild für die Erzählung? Manchmal war Dr. B. als entgleite ihm die ohnehin recht brüchige Realität. Er dachte sich, wir Menschen leben in einer Art hochkomplexem Kinofilm oder Theaterstück, aber ahnen nichts davon, da die Illusion vom Regisseur so perfekt inszeniert ist. Die vorherrschende Ansicht, die Zeit sei ein unaufhaltsamer Strom, in dem alles seinen präzisen Anfang habe und seinen klar definierten Verlauf, hat sich auch in Dr. Bs. Denken festgesetzt; dabei war es, wie ihm in manchen luziden Momenten gewahr wurde, eher so, dass das Ende sehr wohl feststand, nicht aber das immerwährende Präsens, welches einen dorthin zu führen wusste. Das perfide, unfassbare Jetzt mäanderte, einem ektoplasmischen Wabern gleich, aus allen Ecken und Enden und floss unkontrollierbar wie ein Gas in sämtliche Richtungen des Daseins, dabei die unwiderrufliche Einzigartigkeit jedes seiner Augenblicke außer Acht lassend. Ganz in Gedanken nimmt Dr. D. einen kräftigen Zug an seiner Zigarette, während die anderen schon weitergezogen waren, ins Hotel Maximilian’s oder in die Augsburger Nacht.
