Podcast an der Wertach: “Pierre D., eine Wolke in Hosen” – Die Unschärfe der Person


An einem milden Frühsommerabend machen sich Dr. B und seine Kolleginnen Lisa und Caro auf den Weg. Sie suchen sich ein idyllisches Kiesbänkchen an der Wertach, um umgeben von einem alten Autoreifen und geleerten Wodkaflaschen über Sophie Calles Adressbuch zu sprechen. 

Text von Caroline W, gesprochen von Caroline W; Schnitt: Lisa Schmitz; Beitragsbild und Video: Lisa Schmitz; Musik: Michaela Melián

Die Erzählerin findet das Adressbuch eines gewissen Pierre D. und startet ein Experiment. Sie trifft sich mit Freunden und Familie, um, Erkenntnisse über Pierre D. zu erlangen. Nach und nach lassen diese Erkenntnisse ein Bild vor dem inneren Auge entstehen. Dennoch bleibt dieses Bild, trotz verschiedener, interessanter Facetten gleichzeitig leer.  Sophie Calle hat diese Begegnungen mit den Menschen aus Pierres Adressbuch dokumentiert. 1983 erschienen diese Dokumentationen einen Monat lang als Serie in der französischen Tageszeitung Libération. Damals lösten sie einen Skandal aus. Heute wahrscheinlich auch, nur unter dem neuen Begriff “stalking”.

Heute finden wir im Café vermutlich kein verlorenes Adressbuch mehr. Vielleicht ein Smartphone. Dank Instagram, Google, Facebook und Co ist es ein leichtes, verschiedene Aspekte einer Person herauszufinden. Man gibt wenige Schlagwörter in eine Suchmaschine ein oder ruft das Profil desjenigen auf. Aber gelingt ein Kennenlernen so besser?

Werte Zuhörer, haben Sie schon einmal eine Person digital erkundet, vielleicht sogar gestalked? Auf Datingplattformen wie Tinder stellen sich Menschen mithilfe weniger Bilder, Sentenzen oder Pseudo-Wisdoms vor. Die einen zeigen ihr pornösestes Duckface, ihre Thighgap oder den Monsterbizeps, die anderen lichten sich beim Eiswasserfallklettern, mit der anspruchsvollen Lektüre oder beim Kröten-über-die-Straße-Tragen ab. Auf jeden Fall skizziert man ein Bild seines eigenen Lebens, wie man sich gerne sehen würde. Am besten authentisch, selbstbewusst und „mit beiden Beinen im Leben stehend“.

Caros und Lisas Schokoladenseiten

Ist es möglich, oder besser: will man ein „authentisches“, bruchloses Bild abgeben? Heute, im Zeitalter der sogenannten Achtsamkeit, wird oft postuliert, dass es wichtig sei, authentisch, man selbst, mit sich im Reinen oder angekommen zu sein. Für mich sind das inhaltsleere Begriffe. Was soll das bedeuten, authentisch, also echt zu sein? Ist das überhaupt relevant oder erstrebenswert? Ist nicht alles, auch das Sich-Verstellen, ein authentischer Teil meiner selbst? Ist nicht das Gesellschaftlich-Aufgezwungene, von dem ich mich vermeintlich befreien muss, für mich genauso echt wie das angeblich Unverstellte? Was ist echt? Ist „wissen was man will“ echt oder darf man als Mensch widersprüchlich sein?

Die Gleichung, je mehr eine Person über ihr Leben teilt desto besser lernt man sie kennen, geht nicht auf. Ist es nicht reizvoller, jemanden zu treffen, der nicht schon vermeintlich jeden Aspekt seines Lebens ablichtet? Denn je weniger man (hoffentlich nur im übertragenen Sinne) blankzieht, desto mehr gibt es zu entdecken.

Sehr verehrte Zuhörer, achten Sie stets darauf, dass Ihrem so konzipierten Bild noch zahlreiche Puzzleteile fehlen, die jederzeit eingefügt oder ausgetauscht werden können.