Was Literatur kann!


Gesprochen von Lisa Schmitz

Text & Schnitt von Lisa Schmitz

Dank gilt Michaela Melián für ihren wunderbaren Track “Kloster”.

Der Schatten wandert mit der Drehung der Erde. Auf dem Balkon der Stuttgarter Altbauwohnung hat sich der Schatten der Tomatenpflanze mittlerweile länglich in Richtung Osten verschoben. Dr. Franzi D. und Dr. B. rücken ihm nach, aber etwas ist bei ihnen geblieben. Sie diskutieren eine Frage, die ihnen aus dem letzten Gespräch gefolgt ist: Wieso sollten wir noch Bücher lesen, wenn es viel leichter ist, einen der vielzähligen Streaming-Dienste aufzurufen, sich zurückzulehnen und berieseln zu lassen, während ein Buch immer mit Arbeit verbunden ist? Wenn ich lese, muss ich mich auf das Buch einlassen und anderen Ablenkungen entsagen. Dann müssen sich meine Augen mit den Buchstaben auf dem Papier begnügen, obwohl sie gerade lieber durch den Instagram Feed gleiten würden – was nicht unbedingt befriedigender, sondern schlichtweg einfacher ist. Dr. B. hat mir gestanden, dass er sich in letzter Zeit kaum noch auf Bücher konzentrieren kann und bis spät nachts ausschließlich die britische Datingshow “First Dates” auf Facebook schaut. Das sei unbefriedigend und man fühle sich überhaupt nicht angenehm müde wie nach dem Lesen, sondern nur erschöpft und leer.

Filme und Serien haben, trotz ihrer Beliebtheit, oft einen schlechteren Ruf als Bücher, besonders wenn es sich dabei um eine Adaption eines Buches handelt. Das mag in manchen Fällen wahr sein, aber gilt das wirklich immer? Kann ein Film nicht mindestens genauso gut sein, wie das Buch, auf dem er basiert? Vielleicht liegt der erste Fehler schon darin, diese beiden Medien miteinander zu vergleichen.

Erzählen müssen wir jedenfalls immer. Doch die Art des Erzählens scheint sich dauernd zu wandeln. Zeitgenössische Literatur erzählt nicht mehr im Stil Thomas Manns und wenn sie das versuchte, könnte ihr das überhaupt gelingen?