Gott sei Dank erhält die Gewinnerin des Bachmannpreises wenigstens 25.000 Euro!


Ein Ausbruch von Dr. B.

Gerade eben habe ich mich wahnsinnig über ein aus der Zeit gefallenes Format, über Literatur zu sprechen oder besser gesagt, zu urteilen, geärgert. Die Konstellation des Bachmannpreises wirkt a priori absurd: Autoren und Autorinnen “treten” mit einem Text an – das Agonale ist durchaus gewollt -, um dann beurteilt, bzw. freigesprochen zu werden. Im Anschluss nimmt einer den Preis erleichtert mit nach Hause – dieses Jahr Helga Schubert mit ihrem Text “Vom Aufstehen” -, ist gerade noch einmal davongekommen, wischt sich den Angstschweiß von der Stirn. Dann ist da eine Jury, besetzt mit Zeitgenossinnen und Zeitgenossen von meist mittelmäßigem Unterhaltungswert, die durch ihre einschläfernde, bierernste Art über Bücher zu sprechen, ein jüngeres Publikum nicht einmal im Traum erreichen. Mit Ausnahme der Frauen! Ich möchte nicht im Detail auf die alberne Art und Weise eingehen, wie einige Jurymitglieder – nicht alle! – bemüht sind, sich “lässig” und “jung” zu kleiden und zu gerieren. Liebe Leser*innen, lassen Sie mich Ihnen versichern: Hier ist gar nichts lässig! Eine weniger cleane und sterile Kulisse wäre auch wünschenswert! Hier hat der Musikantenstadel dem Bachmannpreis noch einiges voraus: Man gibt sich Mühe, dass sich Publikum und Zuschauer “heimisch” fühlen. Man stellt Strohballen auf, richtet eine Stadelkulisse ein, kleidet sich traditionell. Ein wenig mehr Ambiente in Klagenfurt wäre erquicklich. Wären nicht der ab und an süffisant kommentierende Moderator und der Herr Magister, der Zuschauertweets vorliest, wäre die Veranstaltung noch ermüdender. Erschwerend hinzu kommt die Art, wie die sieben Damen und vor allem die Herren über Literatur und leider auch implizit viel zu viel über sich selbst sprechen. Ein spannendes Format mit interessanten Leuten ist keine Frage des Alters. Denn es gab auch in meiner eigenen universitären Vergangenheit durchaus ältere charismatische Lehrende, die mich sehr wohl berührt haben, wenn sie über die Bachmann, Fontane, George oder Benn sprachen. Es verwundert sowieso, dass es mit Ausnahme Kastbergers keine Literaturprofessorin, keine Literaturprofessor in die Jury geschafft haben, wo es zahllose inspirierende Menschen im akademischen Literaturbetrieb gäbe, der offensichtlich ignoriert wird. Können Literaturwissenschaftler*innen keine Literaturkritik machen? Akademiker gelten wohl IMMER NOCH gemeinhin als vergeistigt oder langweilig. Man könnte die Jury anders zusammensetzen: Man paare Literaturexpertinnen und -experten mit Menschen, die gar nichts mit dem Betrieb am Hut haben, um die Gesprächskultur im Kern zu verändern. Moderieren lassen könnte man den Preis von Kurt Krömer.

Männer & Frauen

Die Absurdität der Gestaltung der Preisvergabe tritt in der Paradoxie zutage, dass so getan wird, als ginge es um die ernsteste Sache der Welt. Liebe Leser*innen, es wird über fiktionale Texte gesprochen! Das ist nicht nichts, aber es gibt sicher Bedeutenderes. Noch dazu ist das Publikum denkbar klein, und wenn man so weiter macht, stirbt es bald völlig aus. Es ist für mich, einen Vierzigjährigen, schon kaum noch zu ertragen. Wie ernst man sich selbst in der Jury nimmt, ist vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Relevanz des Literaturbetriebs im Jahr 2020 schon erstaunlich. Gerade in Corona-Zeiten! Eigentlich aber auch nicht, denn die Egos werden umso größer je kleiner die Relevanz. In den 80ern war das Konzept der Veranstaltung meinetwegen noch innovativ. Vom Ton, der in diesen Jahren und auch noch später vorherrschte, möchte ich lieber schweigen. Heute wirkt das Ganze, Pardon, antiquiert, die Kritik nicht zielführend und die Gravitas lächerlich. Nimmt man beispielsweise das Jury-Gespräch nach Leonhard Hieronymis Beitrag “Über uns, Luzifer” und betrachtet die zarten und gekränkten Egos einiger Männer in der Jury näher, wird deutlich, dass hier keineswegs leidenschaftlich über Literatur gestritten wird, oder es den beiden Herren, die sich durch ihren Auftritt besonders negativ hervorgetan haben, daran gelegen hätte, den Autorinnen und Autoren einen Rat mit auf den Weg zu geben oder gar das Publikum zu unterhalten. Nein, es ging darum, seine – dem Niveau der Gespräche nach zu urteilen leider oftmals sehr mittelmäßige – Position durchzuboxen, auf Kosten der Künstler*innen und der Zuschauer. Denn es gibt nichts Öderes, als drei betagten Männern zuzuhören, wie sie gekränkt vom jeweils anderen ihre Pfründe zu verteidigen suchen. Gähn. Ein Graus. Eine einzige  intellektuelle und stilistische Tragödie. 

Hubert Winkels erinnerte in der Diskussion um Hiernoymis Beitrag an Marcel Reich-Ranicki, der im Jahr 1984 Jörg Fausers Text niedermachte. Fauser saß daneben und musste sich diese Entgleisung anhören. Stecken wir wirklich immer noch in den 80ern fest? Müssen wir als Zuschauer den Urteilsverkündungen des “Klagenfurter Gerichtshofes” beiwohnen? Die Auftritte insbesondere Philipp Tinglers, Hubert Winkels und Klaus Kastbergers kreierten für die Autorinnen und Autoren wie für die Zuschauer eine denkbar bedrückende Atmosphäre. Alle saßen vor dem Bildschirm, hilflos wie Franz K., der sein Urteil erwartet. Die drei Männer kamen mir wie pubertierende Jungen vor, die um die Gunst eines Mädchens buhlen, wobei es im Kern keinem der Beteiligten um das Mädchen geht. Eine positive Ausnahme unter den Männern war Michael Wiederstein, dem es vorrangig um die Texte ging. Die Frauen wirkten nicht nur kompetenter als die Männer, sie waren ausgeglichener, genauer in der Analyse und umgänglicher in der Form. Nora Gomringer, Insa Wilke und Brigitte Schwens-Harrant waren bemüht, sich in die verschiedenartigen Texte und Schreibweisen einzufühlen, ihnen etwas abzugewinnen, auch wenn sie es nicht waren, die die jeweilige Kandidaten und Kandidatinnen vorgestellt hatten. 

Hüstel, hüstel! Es staubt ganz schön beim Bachmannpreis 2020!

Die positiven Hervorhebungen täuschen allerdings keineswegs über die Tatsache hinweg, dass das Format langweilig daherkommt, heillos veraltet ist, und die Kritik meist destruktiv ausfällt. Warum darf oder soll eine Autorin eigentlich nichts zu den Anmerkungen der Jury sagen? Mir wäre bei manchem hanebüchenen Unsinn, der heute geäußert wurde, längst der Kragen geplatzt. So könnte man die Diskussion interessanter gestalten. Wie die Angeklagten sitzen sie indes da und warten auf den Urteilsspruch der Experten. Immer wieder werden altbekannte Kategorien bemüht wie die Oberfläche, die Einfachheit von Texten, das fehlende oder mediokre Handwerkszeug etc. Wenn es objektive handwerkliche Kriterien für einen literarischen Text gäbe, wie sie nicht müde werden, sich immer wieder gegenseitig zu versichern, meine lieben Damen und Herren Juroren, wie beurteilen Sie denn dann einen dadaistischen Text? Wie oft wurde Christian Krachts Debüt Faserland seitens der Kritik mangelnde Komplexität und dem Autor fehlendes “Handwerkszeug” (was auch immer das bedeuten soll!) bescheinigt? Was machen Sie mit den Schriften von Menschen, die niemals formale Bildung genossen haben? Sind diese notwendig keine Literatur? Geflissentlich werden sämtliche akademischen Diskurse der letzten Dekaden ignoriert, die diese Kategorien längst dekonstruiert haben. Macht nix, das Geschwurbel von Oberfläche versus Tiefe funktioniert immer noch in gymnasialen Klassenzimmern und im Feuilleton. Warum sollte es nicht auch im Klagenfurter Gerichtssaal funktionieren?

Ein bisschen mehr Show, bitte schön!

Man fühlt sich an Patrick Süskinds Kurzgeschichte “Vom Zwang zur Tiefe” erinnert, in der einer jungen Künstlerin seitens der Kritik mangelnde Tiefe vorgeworfen wird. Sie wird darüber zur Alkoholikerin und stürzt sich schließlich vom Fernsehturm. Zynischerweise spricht derselbe Kritiker in einer Zeitungsnotiz über den Tod der Künstlerin von ihrer inneren Zerrissenheit, die von Anfang an einen Zwang zur Tiefe hervorgebracht habe. Soweit kommt es bei den geschmähten Künstlerinnen und Künstlern beim Bachmannpreis hoffentlich nicht. Und doch werden einige der leichtfertig dahingesagten, mehr oder weniger substantiellen Kommentare sich in das Gedächtnis der Autorinnen und Autoren einbrennen und möglicherweise Narben hinterlassen. Denn das Schreiben ist eine sensible Angelegenheit. Das Ganze ist weder Fisch noch Fleisch. An den Stellen, wo man akademisch oder “gehaltvoll” sein will, bleibt die Diskussion auf Proseminar-Niveau, wenn beispielsweise über die Fiktionalität autobiographischer Texte diskutiert wird. Da fallen Buzzwords wie “Poststrukturalismus”, da wird geraunt, dass das alles heute schon wieder ein alter Hut sei, etc. etc. Scheinbar en passant verwirft man die Theoreme dieser philosophischen Strömung, anstatt an dieser Stelle in die Tiefe zu gehen und dem Publikum zu erklären, worum es in der Diskussion eigentlich geht. Tinglers banale Aussage besteht darin, dass Autor und Figur zu unterscheiden sind, auch wenn die Ähnlichkeiten noch so frappierend sein mögen. Damit stimmen alle sowieso überein, nur er will es nicht kapieren. Es gibt Menschen, die komplexe Theorie nicht nur interessant vermitteln, sondern auch herunterbrechen können, ohne den Sinn zu entstellen.

Lasst uns Literatur anders inszenieren!

Besonders stört mich die vorwiegend zersetzende Kritik seitens der drei Herren. Hier geht es nicht darum, den Autoren etwas beizubringen, sie gar zu fördern. Es geht um einen Sieger und ein paar Verlierer, auch wenn es danach nicht so aussieht und alle wieder sagen werden, wie toll eigentlich jeder einzelne Beitrag war. Gott sei Dank erhält die Gewinnerin wenigstens 25.000 Euro! Viel mehr bleibt wohl kaum vom Bachmannpreis. Nun nähern wir uns dem Kern des Problems: dem aus der Zeit gefallenen Format des Kritikergesprächs. Als ob es dessen noch bedürfte. Wen interessiert denn heute noch das strenge Urteil mittelalter Feuilleton-Herren? Wem soll das dienen? Einem fiktiven Lehrerpublikum, das die Bücher der Autoren kaufen oder nicht kaufen soll? All das schrammt nicht nur mit 180km/h am Publikum vorbei, sondern auch an der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen in diesem Land. Könnte man der Kritik nicht etwas Produktives beimischen? Für die Autorinnen und Autoren sowie für die Zuschauer? Sind die vorgelesenen Texte wirklich alles, was mir der Preis als Zuschauer bieten kann? Vielleicht könnte man in diese Richtung weiterdenken. Ich weiß, dass auch ich in meinem Beitrag vornehmlich nur nörgle und auch keinen Vorschlag aus dem Hut zu zaubern vermag, wie man es besser machen könnte. Aber es wäre schön, wenn wir alle, die wir daran interessiert sind, den Literaturbetrieb nicht sterben zu lassen, zusammen überlegen würden, wie der Preis in der Zukunft attraktiver gestaltet werden könnte.