Gespräche an der Wertach: Lesen versus Netflix!


Text und Schnitt von Lisa Schmitz

Auf dem Balkon einer Stuttgarter Altbauwohnung steht ein brauner Topf, aus dem eine Tomatenpflanze wächst, die Dr. Franzi D. und Dr. B. bei ihrem Gespräch Schatten spendet. Die grünen Blätter der Pflanze ragen schräg in die Luft, und die Tomaten sind in der Sonne rot und dick geworden. Dr. Franzi D. und Dr. B. haben an einem warmen Sommertag im Schatten dieser Pflanze über Lennart Loß’ Roman Und andere Formen menschlichen Versagens gesprochen und – wie immer – über alles Mögliche gestritten.

Das Buch ist dünn und weiß, und sein Cover ziert ein blau, lila, gelber Tintenfisch. Er sieht gut aus – in der Hand, der Sakkotasche oder auf dem Schoß im Cafe. Damit kann man sich sehen lassen.

Aus dem Gespräch ergibt sich eine viel essentiellere Frage: Warum sollten wir überhaupt noch lesen, wenn wir nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen, und Filme und Serien immer und überall verfügbar, und viel leichter zu konsumieren sind? Auch sie erzählen uns von Geschichten und Welten, in die wir fliehen können. Alles, was wir tun müssen, ist hinsehen. Ein Buch hingegen muss gelesen werden, und das ist mit Arbeit verbunden. Wenn es sich um ein gutes Buch handelt, dann bleibt es bei uns. Dann schleichen sich Teile seiner Welt in unseren Alltag ein. Sie legen sich wie ein Filter über unseren Blick und sie verweilen. Als ich mit ungefähr 10 Jahren Ronja Räubertochter gelesen habe, war ich Ronja – zumindest für ein Vierteljahr. Ich habe kleine Höhlen aus Schulbüchern, Decken und Kissen gebaut und meiner Mutter den Eintritt verboten. Ich habe meine Haare verwuschelt, weil ich genauso wild und rebellisch sein wollte. Oft war ich im Wald und bin geklettert, habe kleine Stöcke und Steine gesammelt, mit nach Hause genommen, einen Bogen gebastelt und eine Feuerstelle auf meinem Teppich gebaut. Meine Höhle war die Bärenhöhle, in der Ronja und Birk sich vor ihren Eltern verstecken. Ich hatte nicht ihren Mut, aber ihre Höhle. Zuhause, nicht im Wald, aber den Unterschied spürte ich gar nicht. 

Filme und Serien können sowas auch, aber anders. Wenn ich lese, sind meine Gedanken freier. Dann sieht Ronja mir irgendwie ähnlich, und die Bärenhöhle sieht ein bisschen so aus wie meine. Bei Film oder Serie sieht alles so aus, wie es sich ein anderer gedacht hat. Ich muss es mir nur ansehen. Eine Welt, die ich mir selber gebaut habe, bleibt länger bei mir, denn ich baue sie nach und nach, Seite um Seite. Ich baue sie in meine Welt, und somit ist sie unmittelbarer und viel näher als alles, was durch einen Bildschirm von mir getrennt ist. Das Buch konkretisiert sich nicht, es bleibt in der Fantasie aktualisierbar. Aber lohnt sich ein Buch eigentlich nur, wenn es bleibt? Auch darüber sind sich Dr. D. und Dr. B. nicht einig.