Podcast an der Wertach: Gedichte? Echt Jetzt?


Gestreifte Themen: “Avenidas” von Eugen Gomringer, das aufgrund von Sexismus-Vorwürfen von der Hauswand einer Berliner Hochschule entfernt wurde; Schmähgedichte: Böhmermann versus Erdogan; Schöne Wörter wie “Tausendglanz”; Haikus: Warum müssen es immer Metaphern sein?; Darkroomsex-Gedichte; Warum überhaupt Gedichte?; Teletext und GZSZ; Poetry Slam; Am Ende trägt Dr. D. – völlig überdreht – ein Gedicht aus “Du bellst vor dem falschen Baum” von Judith Holofernes vor. Besprochene Dichter:innen: Albert Ostermaier; Judith Holofernes; Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke, Erich Kästner, Eugen Gomringer, Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann; Hört rein!

Text und Schnitt: Lisa Schmitz, gesprochen von Lisa Schmitz; Musik: Michaela Meliàn

“Wir wollten über Pornos sprechen!”, rufen Dr. D. und Katrin M. “Nicht über Gedichte.” Ja, warum eigentlich Lyrik? Das fragen sie sich gemeinsam mit Dr. B., während sie auf dem Balkon einer Stuttgarter Altbauwohnung im spärlichen Schatten der Tomatenpflanze sitzen. Dr. B. muss während der gesamten Aufnahmen einen Kinderregenschirm über die Köpfe der Damen halten, damit sie nicht in der Sonne schmelzen.

“Ja, warum eigentlich nicht über Gedichte sprechen?”, frage ich mich, das Millennial; ein Wort, das bei Dr. B. oft Schweißausbrüche auslöst. Im gleichen Zug schreibt er für die Kategorie Burning the Midnight Oil einen Text, in dem er über sein Alter klagt; die Jugend, die so kurz war und den schwachen Trost, dass es uns allen irgendwann so ergehen wird – aber unsere Generation nervt. Schon klar. Manchmal wirklich. Im Sommer teilte meine Cousine – ebenfalls Mitte 20 – folgende Weisheit mit mir: “Ja, Literatur ist, glaub’ ich, irgendwie over.” Wenn das für Literatur gelten sollte, dann gilt das für Gedichte allemal, aber wieso? Fehlt die Zeit? Nach einem 8-Stunden-Tag haben die wenigsten Lust und Nerven, ein Gedicht zu lesen und zu verstehen. Oder sind sie dem eigenen Alltag einfach zu fremd?

Aber ist nicht beispielsweise Rilkes Der Panther aktueller denn je? Die Band AnnenMayKantereit verarbeitet diese Zeilen in ihrem Song, aber wer erkennt diese Referenz überhaupt noch, wenn Leadsänger Henning von seinem müden Blick und tausend Städten singt, hinter denen es keine Welt gibt? Vielleicht gehört Rilke den Intellektuellen, vielleicht noch den Künstlern, aber da hört es meist auf. Doch bleibt dann wirklich nur noch diese furchtbare Pseudo-Poesie, die einem als Wandtattoo “Lächle und die Welt verändert sich.” entgegenschreit, oder Instagram Captions, die mir etwas von “Good vibes only” erzählen? Vielleicht sind Gedichte gar nicht “over”, vielleicht sind sie nur leiser als all diese künstliche Wortaufplüscherei. Eine Antwort habe ich nicht.

Jetzt aber zurück zu der Generation, die uns so furchtbar findet. Hat sie eine Antwort, oder geht’s dann doch nur um Pornos? Mit dem Alter kommt ja angeblich auch die Weisheit, oder, Dr. B.?