Podcast an der Wertach: Ein Bild, auf dem es nichts zu sehen gibt oder: Der kalte Rausch der Kommunikation – Leif Randts “Allegro Pastell”


“Die Obszönität beginnt, wenn es kein Schauspiel, keine Szene, kein Theater, keine Illusion mehr gibt, wenn alles dem kalten, unerbittlichen Licht der Information und Kommunikation ausgesetzt ist. Wir erleben nicht mehr das Drama der Entfremdung, wir erleben die Ekstase der Kommunikation.”

Aus: Das Andere Selbst von Jean Baudrillard, erschienen im Jahr 1987

Text von Katrin Montiegel, gesprochen von Lisa Schmitz; Schnitt: Lisa Schmitz; Musik: Michaela Melián

Besprochenes Buch: “Allegro Pastell” von Leif Randt, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch 2020

Wir haben rüber gemacht, haben den Wertachstrand und die goldenen Sonnenuntergänge Oberhausens hinter uns gelassen, um jenseits der Alpen im gleissenden Licht der Grossstadt zwischen Bankentürmen und Versicherungswolkenkratzern abzutauchen. Hier in Zürich gibt es dreckiges Geld und saubere Luft, schlechte Brezen und guten Kaffee. Es gibt Subkultur und Überpopulation.

In einem Café sitzend, sich den letzten Sonnenstrahlen des Sommers hingebend, verschlingt Dr. B seine softscrambled eggs auf sourdough bread binnen weniger Minuten. Er hat immer noch Angst, dass sich wieder diese unsichtbare Hand um seinen Hals legt und zudrückt. Katrin M. hat das auf der Fahrt schon beobachtet: Denn sobald sie auf Tanja und Jérôme zu sprechen kommt, fängt Dr. Bs Gesicht an, rot zu werden und zu zucken. Aber es muss sein, sie kann ihm diese Diskussion jetzt nicht ersparen.

Dr. B und Katrin M. brauchen Neutralität und die Idee von Basisdemokratie, um über Tanja und Jérôme zu sprechen, über das Buch «Allegro Pastell». Der Roman von Leif Randt begleitet Tanja, eine Romanautorin und Jérôme, einen Webdesigner, zwischen Frankfurt und Berlin – long distance, alles andere wäre für die beiden auch keine Option. Tanja und Jérôme, sie sind voller Liebe füreinander, aber vor allem für sich selbst. Und das zelebrieren sie. Ebenfalls und ausschliesslich für sich selbst.

Das Café, in dem sich Dr. B und Katrin M. befinden, liegt im Kreis 4, mitten in Zürich. Unweit der Bäckeranlage versteckt sich das grün gekachelte Gebäude zwischen Grundschule, Saunaclub und gehobener Weinhandlung. Nackte Betonwände, reduziertes Mobiliar, im Hinterhof weisse Plastikgartenstühle. Hier würde es auch Jérôme und Tanja gefallen. Nur Steckdosen gibt es zu wenig, fast keine eigentlich, deshalb werden Dr. B und Katrin M. später den Ort wechseln müssen.

Während das heisse Wasser eine Schneise durch die frisch gemahlene Hondurasbohne gräbt – Katrin M. wartet ungeduldig auf den zweiten Kaffee – wischt sich Dr. B den Mund mit einer braunen Papierserviette ab, checkt noch schnell den Akku des Aufnahmegerätes und drückt dann auf Play.