Deutscher Popliteraturpreis 2022


Am 15. Mai 2022 vergab das Literaturhaus Augsburg erstmals den Deutschen Popliteraturpreis an Alard von Kittlitz. Drei Finalist*innen wurden ins Hotel Maximilian’s nach Augsburg eingeladen, um dem Publikum ihre Texte vorzustellen. Nach den Lesungen zog sich die Jury konspirativ hinter die Bühne zurück und ermittelte live den Gewinner.

Mithu Sanyal las per Video aus ihrem nominierten Bestseller Identitti, erzählte, wie sie einmal Benjamin von Stuckrad-Barre war und beantwortete Fragen der Jury zu Gender, Race, Cultural Appropriation und zum Schreibprozess.

Hier trägt Mithu Sanayl noch keinen Vulva-Hut.

Alard von Kittlitz, Gewinner des Literaturpreises für Magic, Pop und Ewigkeit, trug eine emotionale Episode aus Sonder vor, in der sich Midori im Selbstmörderwald vor den Toren Tokyos das Leben nehmen will. Der Ton des Kapitels unterscheidet sich in seiner Ernsthaftigkeit und Reduziertheit stark vom Rest des Romans, der von einer abgründigen Leichtigkeit und Kälte durchdrungen ist. In der leise vorgetragenen Passage geht es um die absolute Verzweiflung eines Menschen, um das existentielle Alleinsein im Tode eines jeden. Das Ende des Kapitels ist literarisch hochinteressant, da wir als Leser nicht wissen, ob Midori sich selbst im Tod begegnet, ob alles ein Traum oder ob sie längst tot ist.

Jurymitglied Eckhart Nickel und Preisträger Alard von Kittlitz mit Geldkoffer

Die wunderbare Anaïs Meier las aus ihrem nominierten Titel Mit einem Fuss draussen vor. Das Publikum lernt den eigenbrötlerischen Protagonisten, Gerhard, kennen, der völlig in seinem Mikrokosmos, dem See, aufgeht. Er ist ein Außenseiter, wird verspottet oder gänzlich ignoriert. Er ist ein Niemand, der wie wir alle Liebe, Freundschaft und Sinn sucht. Im See findet er einen Fuss, der in einem Turnschuh steckt, und wird über dieses Rätsel zum Kommissär. Anaïs Meier las mit subtilem Humor vor einem begeisterten Publikum. Man hört ihr wahnsinnig gern zu. Ein absolutes Vergnügen!

Anaïs Meier schreibt eine Widmung in ihr Buch “Mit einem Fuss draussen”.

Katrin M. führte das Publikum souverän und mit Humor durch den Abend, Dr. D. kredenzte – im Sinne der Vervollständigung des Popuniversums als Gesamtkunstwerk – eigens zu den Büchern kreierte Drinks. Eckhart Nickel war nicht nur Jurymitglied, sondern spielte zu den Büchern passende Titel von Blumfeld. Polly überraschte das Publikum mit einer sekundenschnellen Verwandlung in Barry White, und Simon Lang verwöhnte das Publikum mit durchgestylten Gerichten, geschmacklich top, ästhetisch pop.

Danach ging es mit Alard, Anaïs, Eckhart und einer kleinen Gruppe in die Haifischbar auf einen Absacker. Geiler Abend! Wunderbare Texte! Viel Liebe! Bis zum nächsten Mal. Schon bald.

Die Initiatoren des Preises: Dr. B., Dr. D. und Katrin M.

Und hier noch eine wunderbare Stelle aus Spitzweg von Eckhart Nickel, die eigentlich den verborgenen Sinn der Genremalerei definieren soll, die man aber easy auch als Definition von Popliteratur hernehmen könnte, wenn man denn wollte:

Die nur auf den ersten Blick plakativ Plattitüden an den Mann zu bringen versuchte, aber in Wirklichkeit mit bewusst inszenierter Oberfläche spielte, um die einfachen Seelen mit der Freude des Wiedererkennens von Vertrautem überhaupt erst in die Bildidee hineinzulocken und sie so lange gut zu unterhalten, bis der eigentliche Zauber zu wirken begann, weil er sich entfalten konnte, um seine zuvor versteckten gedanklichen Fallstricke langsam zum Einsatz zu bringen, die einen beim Betreten am Bein in die Luft rissen, sodass man kopfüber hängend die Wahrheit hinter dem Bild zu sehen begann.


Aus: Spitzweg (2022) von Eckhart Nickel

Fotogalerie Gala 2022