Auf einmal wurden wir Geister


Die Tür des grünen Mercedes ächzt schwer, als ich sie öffne. Ich stoße sie mit dem linken Fuß auf und bleibe eine Sekunde in der Tür sitzen, um mir eine Benson & Hedges anzuzünden. Ich rauche nicht mehr oft, aber ich habe mir damals zehn Reservestangen von den goldenen aufbewahrt. Im Radio dröhnt jetzt “Going up the country” von Canned Heat, und ich singe in Eunuchenstimme laut mit. Als Kind erklärte mir mein Onkel, dass Alan Wilsons bizarre Stimme daher rührte, dass er vor jedem Song Helium einatmete. Schließlich steige ich irgendwann aus und bemerke, während ich den Schlüssel ins Schloss stecke, dass mein langer schwarzer Armani-Collezioni-Mantel, den ich vor 22 Jahren gekauft hatte, im Dreck hing. Ich hatte Glück und konnte auf dem Busparkplatz vor dem Stadtmarkt umsonst parken. Ich laufe los, die einfach zu behaltende Einkaufsliste im Kopf durchgehend: Zwei Saiblinge bei Forellen-Schindler erwerben, eine rote Paprika, eine kleine Tüte Bamberger Hörnchen, eine Zitrone, einen Bund Blattpetersilie. Die glatte, niemals die krause!

Beim Über-den-Markt-Flanieren genieße ich es, wenn ich jemanden erkenne oder beinahe erkenne – trotz der bescheuerten Masken. Verstehen Sie mich nicht falsch, es liegt nicht an den hässlichen Ungetümen, die wir nun seit einiger Zeit auf der Fresse tragen, sondern an meinem Gedächtnis. Ich laufe also am Pow Wow vorbei und sehe einen Mann mit schlohweißem Haar und weiß – weit entfernt in meinem Innersten -, dass ich ihn irgendwoher kenne. Es ist Pater Stephan, ja genau, der alte Mönch, den ich in Mathe gehabt hatte. Wahrscheinlich aber nicht. Eigentlich weiß ich, dass er es nicht ist, weil ich den angebissenen Schokokuss – so nannten wir den Mönch mit den weissen Haaren in der schwarzen Kutte damals – jetzt vor meinem inneren Auge sehen kann. Trotzdem rede ich es mir ein, obwohl ich gleichzeitig in einer tieferen Schicht darüber nachdenke, wer der Typ wirklich ist. Als Schüler muss ich ihm vor dem Nachmittagsunterricht auf dem Weg von der Klosterschule vorbei am Dönerladen in der Frauentorstraße, runter in die Domkurve, zu Bücher Pustet öfter begegnet sein.

Der Fremde gehört zum Inventar meines Lebens, zu Augsburg und meiner Schulzeit. Nur ein Statist in meinem Film, aber die Begegnung macht mich gerade extrem glücklich, obwohl oder wahrscheinlich weil ich nicht weiß, wer er ist. Verstehen Sie, irgendwie ziehe ich ein High aus der Tatsache, dass ich ihn kenne, obwohl ich ihn nicht wirklich kenne. Er hebt den Kopf, schaut mir kurz in die Augen und ist irritiert darüber, dass ihm partout nicht einfallen will, woher er mich kennt. Ich fühle mich urplötzlich geborgen, so zuhause unter all den Fremden in meiner Stadt. Gerade die Tatsache, dass ich nicht genau weiß, wer der Mann ist, gibt mir die Sicherheit, dass ich hier richtig bin, dass es sich bei meinem Leben wohl um ein echtes Leben handeln müsse. Obwohl ich dumpf erahnen kann, dass die weißhaarigen Alten langsam weniger und dann irgendwann aufgefüllt werden mit neuen, jungen Gesichtern, denen ich dann ratlos gegenüberstehen werde.

Sie verstehen höchstwahrscheinlich nicht – ich begreife es selbst nur bedingt. Also, was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich plötzlich mit meiner Tüte Fisch in der Hand trunken vor Freude bin. Ich stecke mir eine Benson & Hedges in den Mund und schreite beschwingt mit einem beknackten Grinsen im Gesicht in Richtung Auto. Als ich durch das Markttor laufe, vorbei an der Bushaltestelle, sehe ich einen alten Feind aus der Schulzeit, in ein Gespräch vertieft mit irgendwem. Wir hassten uns leidenschaftlich und wir vermieden es, noch lange Jahre nach der Schule, wenn wir uns begegneten, den anderen zu grüßen.

Jedenfalls bis heute, als wir beide plötzlich aus unseren jeweiligen Leben für eine Sekunde heraustreten. Auf einmal – als hätte man sich im Geheimen besprochen – wurden wir Geister, und das Unsägliche geschah: Ich nehme die Zigarette aus dem Mund und sage mürrisch “Servus”. Er erwidert meinen Gruß in aller Kürze, und das war’s auch schon wieder. Ab diesem Zeitpunkt ist eigentlich alles vorbei, wenn Sie mir richtig folgen können. Sobald man nicht mehr leidenschaftlich hasst oder – noch schlimmer – anfängt vermeintlich das große Ganze zu sehen, geschehen zwei Dinge: Erstens, man verliert seine Unbesiegbarkeit. Schuld ist die Erkenntnis, dass es nicht für immer so weitergehen wird. Zugleich erreicht man ein noch nicht gekanntes Level an Genuss. Jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück. Was für eine Scheiße, was für ein Glück! Ich gehe schnell weiter. 

Es gibt ja zwei große Phasen im Leben. In der ersten merkst Du nicht, dass du lebst. In der zweiten schaust Du dem großen Entschwinden zu. Jetzt genieße ich es, meine Feinde zu sehen, denn sie sind nichts weiter als Zeugen für dieses außergewöhnlich dünne Leben. Während ich so über das alles nachdenke, erreiche ich mein Auto. Es beginnt leicht zu regnen. Die Tür klemmt. Wie immer. Ich reiße ungeduldig am Griff, bis sie nachgibt. Meine Zigarette ist längst ausgegangen.