Literatur und Geheimnis

Unser Kulturbegriff ist offen für Spontaneität, Experimente und das Unbekannte. Wir positionieren uns am schillernden Rande, die Peripherie ist unsere intellektuelle und spirituelle Heimat. Da Augsburg eine kontaktfreudige Stadt ist und in Zukunft noch attraktiver für ein internationales Publikum sein wird, soll internationale Literatur ein fester Bestandteil des Literaturhausprogramms sein. Wir verstehen uns als weltoffenes Haus. Wir wollen uns nicht auf einen spezifischen regionalen Schwerpunkt festlegen, möchten allerdings die ortsansässigen Kulturen repräsentieren. Wir lieben Bücher, und dennoch können sie Verschwendung kostbarer Lebenszeit bedeuten. Aus diesem Grund schätzen wir kurze, schön gestaltete Bücher, außerordentliche, funkelnde Texte. Das betrifft nicht nur den Stil und die erzählte Geschichte, sondern auch das Cover, das Papier, die Schrifttype usw. Wann liest man ein bestimmtes Buch am besten? Was trinkt man dazu? Herr B. liest beispielsweise gern Oscar Wilde, bevor er zu einer Party geht. Davor zieht er sich natürlich um und trägt sehr oft eine gebundene, ab und an etwas schief sitzende, Fliege. Die jungen Menschen, die in dieser Stadt leben, gehören zu einer Generation, die ihr gesamtes Leben ästhetisiert, und wir finden das wunderbar. Unser Kanon, den wir den Augsburgern zumuten, ist selektiv und subjektiv. Denn nur so kann Literatur auf Dauer überleben, als Luxus, als Geheimnis. Das Buch ist heute reiner Luxus. Für die Wohnung, für den Geist, ein Luxus, der nicht den Geldbeutel trifft, sondern den Geschmack. Ein Privileg, das sich jeder Eingeweihte leisten kann, der dies möchte. Wir halten es mit Oscar Wilde, der sagt: „Das sind die Auserwählten, für die schöne Dinge nichts als Schönheit bedeuten. So etwas wie ein moralisches oder ein unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben. Das ist alles.“ Das von Wilde so hemdsärmelig dahingesagte „Alles“ birgt das große Geheimnis der Literatur. In diesem Sinne ist uns jeder willkommen, der das Außerordentliche liebt und gut unterhalten werden möchte. Denn man träumt gar nicht oder interessant. Man muss lernen ebenso zu wachen – gar nicht oder interessant.