Gespräche bei der Wertach – Japans Ästhetik


Dank gebührt Michaela Melián für ihren wunderbaren Track “Kloster”.

Wir haben uns unweit des Literaturhauses getroffen. In kurzer Entfernung zum Fluss mit den Silberweiden, die am Rand des Ufers im Wind stehen, gleich bei den Gleisen und der alten Bahnschranke, deren rot-weiße Streifen vollständig ausgeblichen sind. Abgeblätterte Farbe liegt im Sand. Wir haben über Schönheit, Licht und Dunkel gesprochen. Über die makellosen Oberflächen hierzulande, die lichtdurchfluteten Räume, die alles offenlegen, und über Japans Ästhetik der Schatten, die Teile des Lebens bewusst im Verborgenen belassen, über die Schönheit des Halbdunkels und des Gebrauchten gegenüber dem Taghellen und Tadellosen. Wir haben über eine japanische Porzellanschale nachgedacht, die zerbrochen und erst repariert ihren wahren Wert erhält, durch ihre einmalig verlaufenden Risse, die mit Gold aufgefüllt werden. Eine einzigartige Zeichnung, entstanden im Bruch. Im Zwielicht erhascht der Gast einen kurzen Schimmer der vergoldeten Risse am Boden der Schale, die nur dadurch nicht protzig wirkt, dass sie nicht im vollen Sonnenlicht steht. Die in der Suppe schwimmenden Gemüsesorten werden nicht den Augen, sondern einzig dem Geschmackssinn überantwortet. Im alten Japan wird im schummrigen Kerzenschein serviert, während dustere Restauranträume hier bereits Geschichte sind.  Warum könnten wir in Sachen Schönheit nach Japan blicken? Wir haben darüber gesprochen, wie man in Japan in der Welt ist. Oh ja, ich habe ganz vergessen zu erwähnen, wer wir sind. Das ist Katrin M. und ich bin Dr. B.