Marina


Ich mochte Marina noch nie. Sie ging mir schon in der Grundschule auf die Nerven. Marina war nicht von hier, sprach unsere Sprache nicht, hatte keine Freunde. Ich kam vom Nachbardorf, sprach Dialekt und hatte auch keine Freunde. Und konnte somit auch keinen Unterschied zwischen uns feststellen. Aber während ich mit den anderen Erstklässlerinnen eilig durch das Schulhaus geschubst wurde – Turnhalle, Bastelzimmer, Musikecke, Pausenhof, Mädchentoilette – nahm Frau Läber Marina an die Hand und ging mit ihr einzeln jedes Zimmer ab. Während wir schon zurück im Klassenzimmer waren, um Füller, Bleistift und Schreibheft vorzuzeigen, durfte sich Marina aus Frau Läbers Fundus ein Schreibgerät aussuchen. Ich habe das alles durch das Milchglasfenster, das unser Klassenzimmer und Frau Läbers Büro voneinander trennte, beobachtet. Zwei Silhouetten, eine zog die Schublade auf und eine griff hinein. Eine nickte und eine drehte sich zur Tür und trat ins Klassenzimmer. Marina ging zu einem freien Platz, ein Tisch, direkt vor Frau Läbers Pult. Sie setzte sich und starrte auf den Stift, den sie sich ausgesucht hatte, ein brauner Bleistift, dessen Ende leicht angeknabbert und stumpf war. 

Seine Spitze schnitt scharf durch Marinas Fleisch, als sie den Bleistift in ihren Unterarm rammte. Ich war gerade dabei meinen Namen zu sagen, und dass ich gerne Bratwürste mit Röstzwiebeln mochte, als es passierte. Ich sah Marina an und dann ihren Arm, und Marina sah mich an und sagte: «Jetzt du». Dabei deutete sie auf eine Stelle ihres Armes, direkt neben dem Einstichloch. 

Das Blut sammelt sich zu einem Rinnsal und tropft langsam ihren Arm herab. Auf die Tischplatte und weiter auf Marinas ausgewaschenes Sommerkleid. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie so neidisch auf eine Sache gewesen.

(«Wenn man sich Schmerzen zufügt, um sich von Angst zu befreien ist das in Ordnung», sagt Performancekünstlerin Marina Abaramovic zu Psychoanalytikerin Jeanette Fischer. «Die Angst verbannt sämtliche Gefühle. Der Schmerz stellt sie wieder her», sagt Psychoanalytikerin Jeanette Fischer zu Performancekünstlerin Marina Abramovic. )

Gedankenfetzen zu Psychoanalytikerin trifft Marina Abramovic. 

Erschienen bei Scheidegger & Spiess (2018)