Hellgrüner Nagellack


Hellgrüner Nagellack 

Eine starke Turbulenz, das unerwartete Absacken des Airbus A 330 ließ sie ihre Finger im Halbschlaf heftig in die Armlehne versenken, und sie spürte die Hand nicht, die sich beruhigend auf die ihre gelegt hatte. Sie blinzelte und sah das strahlende Lächeln der Lufthansa-Flugbereiterin. „Darf ich Ihnen noch einen Drink bringen?“ Annika bemerkte die perfekt lackierten Fingernägel der dunkelhaarigen jungen Frau mit Perlenohrsteckern, die die hauchdünne Schicht hellgrünen Naturlacks sorgfältig auf die kurz geschnittenen Nägel aufgetragen haben musste. Sie mochte den starken Geruch der Lösungsmittel, wenn der Nagellack bereits ein paar Minuten getrocknet war, kurz bevor sich der Duft des Acetons verflüchtigte. Durch ein erneutes kräftiges Rumpeln und Ruckeln wurde sie nun vollständig wach. Sie war davon genervt, dass es keinen vernünftigen Übergang von der Bewusstlosigkeit ins Dasein gab, denn sie erwachte immer wie benommen, mit einem Brummschädel, als ob sie gerade nochmal davon gekommen wäre. Alle taten immer so, als sei es normal, acht Stunden bewusstlos gewesen zu sein und mit bösen Wesen gerungen zu haben und fügen das Schlafen, von dem man nichts mitbekommt, in Form einer Casper-Matratze oder anderem Firlefanz wie Wake-up- oder Cheer-up-Lights bruchlos in ihr Leben ein. Annika wollte von all dem nichts wissen, was da unterbewusst vor sich ging. Sie wusste nur, dass sie auf höchst unangenehme Weise aus einer anderen Welt in die Tagwelt übertrat, alles vergessen, aber oft ein ungutes Gefühl hatte. Es musste so etwas wie ein göttliches Auge oder wenigstens eine schwebende Kamera geben, die den Überblick behielt und diese Transformation dokumentiert, wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann, denn für sie war es mehr ein Bruch in der üblicherweise fließenden Zeit. Erneut riss sie ein massives Rütteln jäh aus ihren Gedanken, und sie zog die Fensterblende nach unten.

 

Es war wichtig, dass der Flug pünktlich blieb, wenn sie es rechtzeitig schaffen wollten. Bevor sie eingeschlafen war, hatte sie zum Menü offenbar einen Campari Soda bestellt, denn normalerweise wurde im Flugzeug nie Ricard angeboten, den sie mit reichlich Wasser und Eis zu sich zu nehmen pflegte. Das Getränk kam mit zu viel Campari. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen Drink in einem perfekten Mischverhältnis serviert bekommen zu haben.

 

Wie ihre Freundin hatte Alex alle Romane und Geschichten des Autors gelesen, aber mehr als ein Lächeln war aus ihr nicht herauszubekommen. Sie begleitete Annika, einfach, weil sie für solche Dinge zu haben war. Beiden gefiel die Vorstellung, für eine Vorlesung nach Frankfurt zu reisen. Annika schämte sich im Gegensatz zu ihr heimlich dafür, dass sie sich wichtig und spleenig vorkam, aber das änderte nichts. Warum lebten sie eigentlich für die meiste Zeit des Jahres in Nordamerika? Annika konnte diese Frage nicht so richtig beantworten. Sie wusste nur, dass es etwas mit der Grund-losigkeit dieses Kontinents und der daraus gewonnen Freiheit zu tun hatte. Als ob der Kontinent die Stimmen derjenigen unendlich verzerrte, die versuchten die Welt zu deuten, und diese auf die Weite des Landes verteilte, sodass am Ende nur noch Wortfetzen übrig blieben. So blieb Nordamerika trotz all der Ekelhaftigkeiten irgendwie erträglich. Sobald sie im Flugzeug ihre Sitzplätze eingenommen hatten, stellte Alex den Sitz waagerecht und schlief vier Stunden in der künstlich herbeigeführten Nacht, während Flug LH 474 auf dem Bildschirm mechanisch über Newfoundland hinweg kroch.

 

Sie musste für einen kurzen Moment eingenickt sein, denn als sie die Augen aufschlug, setzte das Flugzeug unsanft auf, kam ins Schlingern und schließlich nach scharfem Bremsen unter lautem Aufheulen der Turbinen zum Stehen. Die Maschine war on time in München gelandet, und sie nahmen den Flughafentransfer zu ihrer gemeinsamen Wohnung in Oberhausen. Es war ein Kleinbus mit braun-grüner Karopolsterung, über die Alex mit einem wohligen Gefühl  mit der flachen Hand hinwegstrich.

 

Ausgeschlafen und happy fuhr sie den ziemlich neuen VW Bus Turbodiesel nach Frankfurt, den sie aus ihren Studententagen in eine für sie formlose Gegenwart herübergerettet hatte, während sich Annika die labbrige Breze in den Mund stopfte, die sie noch am Flughafen bei Dallmayr vom Brezenständer geklaut hatte. Ihre Laune verschlechterte sich zusehends, und sie sah überhaupt keinen Sinn mehr in dieser Aktion. Mitten im Semester für diese Vorlesung anzureisen, war ihr aufregend erschienen, jetzt fand sie das Ganze peinlich wenn nicht gar albern, und sie fühlte sich plötzlich steinalt. Um sicherzugehen, dass sie ihren Geldbeutel eingesteckt hatte, nestelte sie in ihrer Jackentasche, und ertappte sich nach einer Weile dabei, wie sie nervös am Reißverschluss ihres Portemonnaies herumspielte: Zweimal links, einmal rechts, dann eine Kreisbewegung mit dem maximalen Durchmesser, danach das Ganze in umgekehrter Richtung. Nach anfänglicher Nervosität über die anstehende Prüfungszeit hatte sich das Fummeln in der linken Jackentasche zu einem grandiosen Tick ausgewachsen, um den sie sich nach der Abschlussarbeit zu kümmern plante, genau wie um das ihr würdelos erscheinende Rauchen von E-Zigaretten. Während sie in Gedanken war, blies sie eine Rauchwolke aus dem Autofenster in die vorbeifliegende Landschaft. Am Waldrand stand ein Hirschkalb, das sie minutenlang anstierte.

 

Als sie in den großen Vorlesungssaal auf dem Westend-Campus eintraten, war eine Spannung in der Luft spürbar, so als ob der Geist der Akademie, oder das, was von ihm nach all den verdunsteten Jahren übrig war, seine Bahn über den Zuschauern zöge und zum Paradigma all dessen geriete, was sein eigenes Verschwinden überlebt hatte. Oder es war eine Mischung aus profillosen Professoren, die mehr Finanzbeamten glichen als Intellektuellen und den Hochschulreformen, die kleinere Universitäten töteten und das wissenschaftliche Personal zu professionellen Förderantragschreibern degradierten.

 

Die lauwarm beschwipsten Feuerzangenbowle-Saunaabende, ihre Grundschulzeit in der Goetheschule, als sie auf dem Heimweg zum Mittagessen bei Oma noch einen Stopp bei Edeka einlegte, Brauseufos für 50 Pfennig kaufte, die bis zum Ende der Unterführung reichten – all die vertrauten Regeln galten nicht mehr. Jene Zeit hatte sich unter einem einzigen Blinzeln aufgelöst. Die damals riesige Kleinstadt, Herr Lutz, der Anzug und Krawatte tragend in seine Penthousewohnung einlud und die besten Alkoholika seines Servierwagens offerierte, waren heute nicht mehr dieselben. Als sie länger darüber nachdachte, sah sie sich selbst, benommen in der Vorlesungsbank sitzend, so als ob sie nach einer Autobahnraserei, während der sie ihr Gesicht aus dem Fenster gehalten hätte, plötzlich stehen geblieben wäre und aussteigen musste. Weder existierte der alkoholisierte Vater länger in ihrem Leben, noch die alte Uni und mit ihr das Gefühl, wenn sie durch die Gänge der geisteswissenschaftlichen Fakultät zur Cafete lief, in der damals noch geraucht wurde. All dies war von einem Tag auf den anderen nicht mehr wahr, es war vollständig und unwiederbringlich verschwunden, in seiner Faktizität gleichgültig gegenüber dem Verlangen, all dies nur für einen klitzekleinen Moment zurückzubekommen. Ihre Jugend war irgendwie nur noch eine Geschichte in einer Geschichte, als wäre sie durch die stetig fliehende Gegenwart plötzlich als Vergangenheit nicht mehr wirklich, oder zumindest zur Fiktion verkommen. Sie erklärte sich das selbst immer am Beispiel ihrer besten Freundin, die vor einigen Jahren geheiratet hatte und im Gegensatz zu ihr ein echtes Leben führte. Dass Annika nicht wirklich lebte, war ihrer Meinung nach ein Vorteil. Als sie also mit allen zusammen am Vorabend der Hochzeit ins Brauhaus trinken gegangen waren, fühlte sie sich bereits alt und nostalgisch, und nun hatten sich weitere Schichten Vergangenheit über diesen Abend gelegt, bis alles schließlich komplett unkenntlich war. Sie alle, Autobahnmeister Fuß, den sie gehasst hatte, und seine durchaus liebenswerte Frau, waren nun einfach alt geworden, existierten nicht mehr in dieser Form. Plötzlich begann sie in Gesprächen all das, was sie einst verachtet hatte, zu stilisieren, sich zurückzuwünschen. Die alten Feindschaften waren jetzt genauso wohlig-warm und heimelig wie die schönen Freundschaften.

 

Seit einiger Zeit fühlte sie sich so, es war unerträglich. Einzelne Erinnerungen blitzten auf, ergaben aber kein Ganzes mehr, egal wie sehr sie sich anstrengte. Sie wollte sich daran erinnern, wie ihre Mutter früher war, was sie bei einem der Kaffeekränzchen in der Runde sagte, aber es war nichts zu machen. Es gab vielleicht diese Zeit, in der man mit seinen Freundinnen im Golf zum Ostwerk fuhr, im Rosenstüble bei Jägerschnitzel mit Spätzle Pläne schmiedete, wo sich alles auf eine ungewisse, noch offene, irgendwie spannende Zukunft hin ballte, eine Zeit, in der man betrunken romantischen Visionen nachhing. Und es gab diese Zeit, ausgerichtet auf die Vergangenheit und wie schön alles damals war, als die Dinge noch unscharf waren. Aber das alles passierte über Nacht, wie eine Zeitfalte oder ein Papier, das zerrissen wird. Da gab es niemanden, der sagte „Ok, pass auf Annika, ab jetzt befindest Du dich in der Übergangsphase“ oder so.

 

Das Auditorium Maximum war komplett voll, und es ging ein Raunen durch den Hörsaal, als der Autor ans Rednerpult trat. Morgens hatte er im Hotelzimmer eine grüne Windjacke übergeworfen und diese während seines Vortrags anbehalten, vielleicht um schnell verschwinden zu können. Als Annika Germanistik studiert hatte, lernte sie Alex im legendären Proseminar Theodor Fontane kennen, das von Dr. Klaus Dieter Ups Freitag nachmittags um 16 Uhr angeboten worden war, um den Fanclub des charismatischen akademischen Geschichtenerzählers halbwegs überschaubar zu halten. Es platzte natürlich immer aus allen Nähten, denn Dr. Ups hielt Vorlesungen im Stile Kästners oder Fontanes, oder wie beide zusammen, und man war gar nicht mehr man selbst. Günter Eichs Taubenflug wurde zur Angelegenheit der Studierenden, wenn er vom Bestehen heimlicher Königreiche berichtete, von Sprachen ohne Laut, die nicht erforscht wurden, von Entscheidungen, die im Taubenflug geschahen. „Dies ist meine Mütze, dies ist mein Notizbuch und einiges, was ich niemandem verrate“.Dr. Ups schien Annika höchstens mit einem Fuß in dieser Welt zu stecken. Stets mit einem Lächeln auf den Lippen hatte er eine Birne aus den vollgestopften Hosentaschen anzubieten, und man wohnte bei der Familie Poggenpuhl in der heruntergekommenen und dennoch geschichtsträchtigen Altbauwohnung in Berlin und betrachtete ehrfurchtsvoll auf dem Sofa sitzend den Ahnen der Familie, den „Hochkircher“, der im Jahre soundso die Schlacht auf irgendeinem Friedhof für Preußen entschieden hatte. Weil man in den Poggenpuhls das Trotzdem der Literatur als spirituelle Überhöhung des eigenen, irgendwie weltabgewandten, Lebens fühlte, war das Freitagsseminar hochansteckend wie Gelbfieber. Annika und Alex wurden so Teil einer verschworenen Gemeinschaft, eines Zirkels der Eingeweihten.

 

Während sie so dasaß und an den lieben Papa Ups dachte, stieg ihr der Duft der Teakholzvorlesungsbänke in die Nase, und der Lehrstuhlinhaber mit seiner dümmlichen Fliege kam ihr in den Sinn, eine unglückliche Mischung aus Professor Unrat und dem Hungerpastor. Das völlig uncharismatische kleine Männlein hatte damals zeitgleich eine dermaßen uninspirierte Vorlesung zu den Theoretikern der Frühromantik gehalten, die kaum zu ertragen war. Es hatten sich Blitzschachgruppen in der Vorlesung gebildet, Annika wünschte sich in jeder unendlich langsam verstreichenden Minute zurück zum Birnbaum im Havelland.

 

„Meine Damen und Herren, ich werde Ihnen nun alles darlegen“, tönte der Autor indessen vom Rednerpult herauf. „Es hängt natürlich mit der Frage nach dem Tod des namenlosen Protagonisten in Farnland zusammen. Ironie oder Ernst.“, hallte es aus dem Mikrophon. Der Feuilletonchef der Hamburger BreitzeitAmoji Spinat rutschte unruhig auf dem unbequemen Hörsaalsitz hin und her. Zögerlich ging der Autor in Richtung Tafel, der Chef des Papaya-Verlags nickte ihm aufmunternd zu. Während er „Sassssn und eta“ sagte und die zwei Wörter zeitgleich mit dem Finger in die Luft malte, knackte und sauste es durchs Mikrofon, sodass nichts mehr zu hören war. Ein wildes Raunen ging durch den Hörsaal. Entsetzt fragte Annika ihre Sitznachbarin: „Hat er gerade SASSSSN UND ETA gesagt?“ Tumultartige Aufregung brach im Auditorium Maximum los, Wie-bitte-Rufe prasselten auf den Vortragenden nieder, der die Schlüsselwörter krakelig und in Zeitlupe an die Tafel schrieb. Die linke Hand steckte in seiner grünen Windjacke und umfasste einen Gegenstand. Annika kniff die Augen zusammen, als könnte sie durch seine Jacke hindurchsehen. „Komm, lass uns weiter nach vorne gehen, ich kann nichts sehen.“ Annika kniff erneut die Augen zusammen. Vor ihr saß ein Mädchen, das auf dem Smartphone ein Video zu schneiden schien. Inzwischen war der Autor fast fertig, nur das, was er sagte, schien jetzt in Echtzeit aus seinem Mund zu kommen. „Kannst Du das lesen? Er steht genau mit seinem Kopf vor dem ersten Teil. „…ta“ irgendwas.“ Kannst Du das lesen?“ Alex sagte nichts. Eine alte Dame, die neben ihr saß und einen ausgesucht-auffallenden dunkellila Samthut mit roter Krempe trug, lächelte Annika an, als sie die gleiche Frage an sie richtete, und drückte bestärkend ihre Hand. Die Frau musste über 80 sein und starrte nonstop in ihr iPad. Annika sah, dass sie etwas über global warming las. Der Autor schloss währenddessen die Vorlesung mit den Worten: „Die Polizeiakten sind in der Zürcher Kantonalspolizeistation einsehbar. Vielen Dank.“ Alle stürmten nach vorne, um ein signiertes Buch zu kaufen. Der Autor stand jetzt mit einer Gruppe wichtiger Leute direkt vor der Tafel, doch Annika konnte immer noch nicht erkennen, was darauf geschrieben stand. Sie schlich unsichtbar um die Verlagsleute, Professoren, Doktoranden, Feuilleton-Schreiberlinge herum, und suchte nach einer anderen Position, um einen Blick zu erhaschen, als sie schließlich das Wort „und“ erkannte, der Rest wurde von dem aus schwer nachvollziehbaren Gründen exaltiert gestikulierenden Dr. Eberhard Dime verdeckt, der ein Mädchen über Gustav Nachtigalls Sahara und Sudanund Curtius Deutsche und antike Weltins Bild setzte. Er schien so erregt, dass er nicht bemerkte, dass dem Mädchen vor Ehrfurcht oder aus Angst die Tränen über die Wangen zu laufen begannen. Annika wurde unruhig, weil sie das „Aha!“ und das „Oh!“ und das „Aber natürlich!“ der Feuilletonisten in den Ohren hatte, als diese die Schlüsselwörter in ihre Macbooks hackten.

 

Unterdessen war die Berliner Möbeltycoonin Madame Sarasate beim Versuch, den schüchtern zurückweichenden Autor heftig zu umarmen, am Schreibpult hängengeblieben und hatte den gesamten Inhalt ihrer Thermoskanne über die Tafel verschüttet. Im Fallen, das Annika sonderbar langsam vorkam, hatte sie hysterisch das Wort „Anagramm“ gekreischt. „Moment, entschuldigen Sie vielmals, das ist mir sehr unangenehm“, keuchte die etwas langsame Entrepreneurin, und wischte mit dem Ärmel ihres Tweedsakkos über die Tafel. Fassungslos starrte Annika sie an: es war nur noch „…R U T“ und die römische Ziffer „2“ zu sehen. Der Anfang des Wortes und das Wort „und“ waren verschwunden.

 

Zufrieden mit ihren Aufräumarbeiten nippte Madame Sarasate an ihrem Tee und blätterte in ihrer Mitschrift. Der Autor hatte sich in der Zwischenzeit ans Pult gesetzt und signierte eifrig Bücher. Langsam löste sich die Menge auf, nur noch Dr. Dime, ein Verleger, dessen Namen Annika entfallen war, und ein hektisch wirkender amerikanischer Postdoc waren noch da. Dr. Dime dozierte jetzt über die aufputschende Wirkung von Kampfer, langweilig schmeckende Himbeeren und sprach schließlich von Rindern, die sich am Weidezaun wundscheuerten.

 

„America after all it is you and I who are perfect not the next world“, hatte er gesagt und„It occurs to me that I am America.“ „Ja, es muss endlich aufhören mit diesen Weltentwürfen!“, sagte Alex, die grinsend neben Annika aufgetaucht war. „Eine Welt, die ja natürlich trotzdem besser aussieht als unsere, aber eben im Kopf bleibt, die in der Zukunft vergangen gewesen sein würde.“ Annika verstand das nur so halb. Sie tat sich allgemein schwer mit Konjunktiven. Plötzlich war sie erleichtert, die Schlüsselwörter verpasst zu haben. Es war ihr, als hätte sie sich heimlich selbst sabotiert, um nicht verstehen zu müssen, was natürlich Quatsch war. „Was denkt er eigentlich?“, fragte sich Annika. „Der zieht doch sein eigenes Ding durch wie alle anderen auch. Ich lese das alles und was dann? Wir wissen nichts voneinander. Und dann? Ich lese alles, und dann sterben wir allein für uns, ganz für uns, schon bald. Vielleicht erahne ich einen winzigen Teil der heimlichen Königreiche und dann sterben wir, allein.“ Alex nickte. Der letzte Teil der Vorlesung hallte in Annikas Kopf nach, als der Autor erklärte, er sei angezogen vom Ritus, von der Mystik der Kirche, und doch sei die Zeit für das Konvertieren noch nicht reif. Eine Art Resignation vor dem ansteigenden Druck des fortschreitenden Lebens. Als sie unter Dr. Klaus Dieter Ups ihr Referat zu Richard Wagner vorbereitete, lernte sie, dassder Komponist und Erfinder des Kinos, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordener verzweifelnder décadent,plötzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze niedersank. Sie fürchtete einerseits die religiöse Versuchung, die im Alter groß sein würde, andererseits den Sog einer gottlosen Existenz und den letzten Moment des Todes. Mit Alex konnte sie unmöglich darüber reden. Das war absurd.

 

Auf dem Weg zur Toilette, zwischen Schwarzen Brettern, wo Fetzen mit WG-Annoncen aushingen, sah sie, wie dem Autor ein Ölgemälde von einem großen hageren Mann in einem schwarzen, etwas staubigen Anzug übergeben wurde. Er hatte ein gewaltiges Kinn, trug eine kleine schwarze Fliege und bewegte sich sehr langsam. Dr. Dime, der neben dem Autor stand, hob die Decke aus rotem Samt ein wenig an, und säuselte: „Wen das nicht ergreift, muss eigentlich schon tot sein.“ Annika konnte erkennen, dass es sich um ein Portrait des Autors handelte, der neben einem Hirschkalb saß und ein Smartphone in der Hand hielt. Sie kniff die Augen zusammen und konnte auf dem Bildschirm des Smartphones erkennen, dass sich etwas bewegte, zwei Personen, von denen die eine einen kleinen Schluck aus einem Glas nahm, das ihr die Flugbegleiterin mit freundlichem Lächeln reichte, und die andere im Hintergrund nur verschwommen zu sehen war, als das Bild plötzlich zu flimmern begann, der Bildschirm schließlich schwarz wurde, um kurz darauf erneut aufzuflackern und dieselbe Flugbegleiterin zeigte, wie sie nach dem Flug in einer Flughafenlounge auf die Toilette geht, um dort die letzten Reste rosa-transparenten Nagellacks zu entfernen. Sie nestelte lange in der Tasche ihrer Weste nach einem Fläschchen mit hellgrünem Naturlack.