Gespräche bei der Wertach: Das Verlangen nach “Kaffee & Zigaretten”


Katrin und ich sitzen am Fluss, werden von Enten attackiert, und geraten beim Sprechen über Ferdinand von Schirachs Textsammlung “Kaffee & Zigaretten” in ein Gewitter. Wir sprechen darüber, wie man leben sollte in diesem kurzen Leben, wie der Erzähler über das Leben und seine Bedeutung spricht und was Heimat bedeutet. Außerdem kann man an der Wertach super knutschen, sagt Katrin M.

Hier könnt Ihr unseren Podcast auf anchor anhören.

Text: Dr. B.

Schnitt: Dr. B. und Lisa S.

Damals gab es keine Zeit, so wie es in der Erinnerung keine Zeit gibt. Es war nur der Sommer, in dem wir unten am Fluss waren, Forellen fingen, und ich dachte, dass sich nie etwas ändern würde. 

Aus: Kaffee & Zigaretten von Ferdinand von Schirach

Als Katrin und ich uns im Sommer 2019 am Fluss verabredeten, oder, besser gesagt, im Fluss auf einer Kiesbank, um über Ferdinand von Schirachs Büchein „Kaffee und Zigaretten“ zu sprechen, gab es keine Zeit, denn sie gibt es nur, sobald sie unterbrochen wurde oder zu Ende gegangen ist. Ferdinand von Schirachs Satz markiert bereits den unmöglichen Weg zurück in jenen Sommer, in dem der Erzähler mit seinem Freund Zeit am Fluss verbrachte und Forellen fing.

Als Katrin und ich uns in die Wertach gesetzt und den Podcast aufgenommen haben, war das die Zeit vor dem Sündenfall, vor dem Corona-Virus, das nur ein paar Monate später das sorglose und selbstverständliche Wandeln in der Welt, unser aller Zusammensein, verändern würde. Das war die Zeit, bevor es die Zeit gab. Nur ein Jahr später ist es undenkbar geworden, nach den Aufnahmen im vollen Biergarten Seite an Seite mit fremden Vertrauten aus der Heimatstadt Kässpatzen zu essen, sich in der Schlange miteinander zu unterhalten, während man auf das Bier wartet, völlig ahnungslos, dass dies ein Privileg war.

Während wir unsere Fahrräder vor dem Eingangstor abschlossen, rügte mich Katrin für meine flapsige Sprache, das ständige „Äh, Äh, Äh“ zwischen den Sätzen und für meine Jesus-Ledersandalen zum grünen Sommersakko und Hemd. Ich habe dummdreist gegrinst, meine Kässpatzen gegessen und nur so halb hingehört. Alles war perfekt. Hätten wir nur alle gewusst, wie perfekt das alles war!

Als ich damals Kaffee & Zigaretten las, musste ich, wie auch der Erzähler, an meinen Vater und den Zigarettenrauch denken, wie er im Sommer im Wohnzimmer zwischen den herzförmigen Blättern der 90er-Jahre-Zimmerpflanze Philodendron hederaceum in der Luft gestanden hatte, und daran, dass diese Zeit nur unendlich langsam vergehen wollte. Inzwischen ist diese Welt nur noch in mir als kleine Flamme, die irgendwo im Hintergrund flackert und ab und zu auflodert.

Nun saßen wir also mit unseren Maßkrügen zusammen auf der Bierbank zwischen den Bäumen, im überdachten Bereich, sodass man im abendlich-angeduselten Wohlfühgetummel und Durcheinander sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Wie herrlich! Denn es ist ja völlig egal, was an so einem Abend gesagt wird. Denn wir waren alle zusammengesessen und es hatte sich einfach gut angefühlt, weil es warm war, weil wir die bekannten Stimmen im heimischen Dialekt sprechen hörten, weil sogar die fremden Stimmen, wenn es dunkel wird im Biergarten und die grünen, roten, blauen und gelben Partylichter angehen, irgendwie vertraut klangen.

All das kommt mir heute so weit weg vor, als ob diese Welt Jahre zurück läge und in einer Schneekugel existierte. Können wir jemals wieder an den Ort der Unschuld zurückkehren, ohne dass der Bruch, das schlagartige Hereinbrechen der Katastrophe, nicht schmerzhafte Spuren hinterlassen und unsere Wirklichkeit verändern würde? Vielleicht kann uns die Schönheit, die mir nicht nur in diesen einsamen, klaustrophobischen Wochen ein existentielles Bedürfnis ist, vielleicht die Kunst jenem Ort näher bringen, an dem wir wieder vollständig sind. „Das Vergangene ist nicht tot, schrieb William Faulkner einmal. Es ist nicht einmal vergangen.“ Es ist nicht einmal vergangen, weil es in uns lebt, meist verschüttet und als intensives Gefühl, das eines Tages noch einmal aufflammt, bevor es mit und in uns untergehen wird. Doch bis dahin ist es noch ein, zwei Monde hin.

In der Zwischenzeit empfehlen wir Ihnen unser Gespräch über Ferdinand von Schirachs Textsammlung „Kaffee & Zigaretten“, das 2019 bei Luchterhand erschien.  Katrin und ich haben uns über japanische Haiku-Gedichte unterhalten, die verschüttete Vergangenheit in uns, darüber, dass ich beim Lesen andauernd  total Lust auf eine Zigarette hatte, über die essentielle Bedeutung eines schönen Zigarettenetuis und über Knutschen an der Wertach. 

Musik: “Kloster” von der wunderbaren Michaela Melián